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IN FREIBURG, ST. MARTIN 

KOMM, SCHPFER GEIST, KEHR BEI UNS EIN 

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, dem der heutige Festtag gilt, er ist das innerste Geheim- nis Gottes und der Welt. Im Alten Testament heit es im Schpfungsbericht: Am Anfang schwebte der Geist Gottes ber dem Abgrund, ber dem tohu wa bohu, aus dem unsere Welt werden sollte (Gen 1, 2). Das will sagen: Durch ihn wurde das All geschaffen, und durch ihn wurde das anfngliche Chaos geordnet. Im Neuen Testament erfahren wir, dass der Hei- lige Geist die Liebe Gottes ist, dass durch ihn nicht nur die Welt geschaffen, sondern auch das Werk der Erlsung bewirkt wurde. Also: Durch die Liebe Gottes wurden wir geschaffen, und durch sie wurden wir erlst.   

*  

Diese Liebe Gottes ist aber nicht nur eine Eigenschaft oder eine Haltung Gottes, sie ist gar eine Person in ihm. Das ist schwer zu verstehen. Dass dem so ist, das erfahren wir aus der Offenbarung des Alten und des Neuen Testamentes, die Gott der Kirche anvertraut hat. Die Liebe Gottes ist die dritte Person neben dem Vater und dem Sohn im Geheimnis des drei- einigen Gottes: Gott ist in drei Personen, und doch ist er nur ein Gott. Im Zeichen der Person gewordenen Liebe in Gott erfolgte die Schpfung und erfolgte auch die Erlsung. Die Erl- sung bezeichnet man daher gern als zweite Schpfung, schon in der Zeit der Kirchenvter. 

Die Welt und unsere Aufgabe in ihr, sie sind aus der Liebe Gottes hervorgegangen. Wir sind ganz und gar von der Liebe Gottes getragen und umfangen. So sagt es uns Gott selber. An- ders ist indessen unsere Erfahrung, ganz anders. Wir machen eher, wenn wir die Augen nicht verschlieen vor der Wirklichkeit, die Erfahrung, dass der Hass die Mitte der Welt ist, der Hass und die Gehssigkeit, dass der Unfriede und der Streit das Sagen haben, im Klei- nen wie im Groen. Die Welt, in der wir leben, sie ist zwar schn, sie ist aber auch grausam, tragisch und voller Schrecken. Es gibt in ihr den Hunger, die Krankheit und so viel ausweg- loses Leid und noch viel mehr Ungerechtigkeit. Viele Menschen vergehen vor Angst in die- ser Welt. Und doch soll diese Welt, die Gott geschaffen und die er erlst hat, gleich zweimal getragen sein von der Liebe Gottes. Wie ist das zu denken? 

Immer ist es so, dass der Glaube nicht einfach die reale Wirklichkeit beschreibt, sondern auch die ideale im Blick hat. Immer appelliert Gott in seiner Offenbarung auch an unsere Verantwortlichkeit, an unser Tun und Lassen, und das sogar zuerst und in erster Linie. Gott beteiligt uns an seiner Schpfung wie auch an seinem Erlsungswerk. Wenn wir erfahren, dass die Liebe das innerste Geheimnis der Schpfung und der Erlsung ist, dann hlt uns Gott in diesem seinem Wort den Spiegel vor und erinnert uns an das, was wir aus seinem Werk gemacht haben, aus der Schpfung und aus der Erlsung, aus der ersten und aus der zweiten Schpfung, und was wir fortwhrend daraus machen. 

Im Heiligen Geist begann das Drama der Erlsung. Durch das Wirken des Heiligen Geistes wurde die zweite gttliche Person einst ein Mensch. Im Heiligen Geist hat der Erlser sein Werk vollendet. Die Geistsendung am 50. Tag nach seiner Auferstehung wurde die Geburts- stunde der Kirche. In der Kirche setzt der Heilige Geist das Wirken des Erlsers fort. Er tut das durch uns alle. So mchte er es tun. Wir stehen da nicht allein, aber Gott wirkt auch nicht ohne uns in dieser Welt. Nur im Heiligen Geist kann das Reich Gottes in dieser Welt gebaut werden - als Alternative zu einer Welt, die sich nicht nur dem Bsen verschreibt, die sich darin auch verhrtet. Aber der Heilige Geist wird nicht ttig ohne uns. Gemeinsam mit ihm mssen wir ans Werk gehen. Und dass das Reich Gottes in dieser Welt gebaut wird als Frucht der Erlsung im Heiligen Geist, das ist heute wahrlich notwendig, mehr denn je zu- vor.

Wir erleben es, dass alle Ordnungen heute zerbrechen, nicht nur in der Welt, immer mehr auch in der Kirche, die den Geist der Welt mehr und mehr in sich einlsst. Der Kampf aller gegen alle zeichnet sich schon ab als Schreckgespenst am Horizont. Der Stellenwert von Religion und Moral ist faktisch gleich null geworden. Man feiert das Chaos als Fortschritt, wenn man das Gute schlecht und das Schlechte gut nennt.

Nur an einige Punkte mchte ich hier erinnern, die uns wie Schlaglichter die Not der Zeit vor Augen fhren und die Notwendigkeit der Ankunft des Heiligen Geistes, des Parakleten, wie er in der originalen Sprache des Neuen Testamentes genannt wird, im Griechischen, der Paraklet, das ist der Beistand, der Advokat, oder, ein wenig nuancierter, der Trster. Nur an einige Punkte mchte ich hier erinnern, die uns die Notwendigkeit der Ankunft des Hei- ligen Geistes vor Augen fhren: Im weltlichen Bereich der Missbrauch der Wissenschaften, wenn man die Wrde und die Sonderstellung des Menschen in der Welt zerstrt, ferner im weltlichen Bereich die zynische Reduktion des Menschen auf seine Leiblichkeit - unsere mo- derne Welt etabliert sich mehr und mehr als Pornokratie -, die Verwahrlosung der Ju- gend, der man tatenlos zuschaut, und die Eskalation der Kriminalitt. In der Kirche haben wir da die wachsende Veruerlichung, die Geflligkeitsverkndigung, die Anpassung der Glaubenswahrheiten an die Erwartung der Menschen, die oft bis zur totalen Verdrehung der Wahrheit, ja, bis zu ihrer Vergewaltigung fhrt. Sodann ist hier zu erinnern an das verhee- rende Einstrmen des Geistes dieser Welt in die Kirche und in die Christenheit, die Demora- lisierung, die wachsende Entsittlichung, die Ehrfurchtslosigkeit gegenber dem Heiligen und das Dahinschmilzen dessen, was die Menschen in Jahrhunderten an der Kirche bewundert haben. 

Der Geist Gottes hat einstmals, am Anfang, als die Kirche entstand, die Welt verwandelt und ihr ein neues Antlitz gegeben. Diese Verwandlung aber muss immer neu geschehen. Dabei ist die Gabe des Geistes stets auch unsere Aufgabe. Immerfort bedarf die Welt der Sendung des Gottesgeistes, und immerfort mssen wir uns diesem Geist ffnen. Wir knnen nicht als Christen leben, wenn unser Leben nicht vom Geist Gottes durchformt wird. Erst in ihm verstanden die ersten Zeugen das Wort Gottes. Er fhrte ihr fragmentarisches Verstehen zu einer Synthese und machte sie zu begeisterten Zeugen des Erlsers. Und in ihm erhielten sie die Kraft, ihr Zeugnis mit dem gewaltsamen Tod, dem Martyrium, zu bekrftigen. - Der Heilige Geist ist auch fr uns das Licht, in dem wir das Wort Gottes verstehen, und die Kraft, in der wir das, was wir glauben, zur Norm unseres Lebens machen und Christus, dem Herrn, nachfolgen knnen im Leben und im Sterben.

Es ist nicht zu leugnen, der Gegenspieler des Gottesgeistes besetzt immer mehr Schlssel- stellungen in unserer Welt. Immer mehr Menschen stellen sich heute in den Dienst des un- heiligen Geistes, des Frsten dieser Welt, des Vaters der Lge, des Satans, den es angeblich gar nicht gibt, jenes Geistes, der konsequent der Geist der Lieblosigkeit ist, der Geist des Hasses, des Chaos, der Verneinung und der Zerstrung. Das mssen wir sehen. Deswegen herrschen der Stolz, die Unmigkeit, die Unbeherrschtheit, der Neid, die Trgheit und der Geiz.

Weil der unheilige Geist, der Frst dieser Welt, das Szepter schwingt, deswegen gibt es so viel Dunkelheit in unserer Welt, auch in der Kirche, deshalb gibt es so viel Not und so viel Ratlosigkeit.

Ihn, den unheiligen Geist, knnen wir nur berwinden im Heiligen Geist. Es ist fr uns eine lebenslange Aufgabe, dass wir mit ihm vertraut werden, dass er immer mehr unser Denken und Handeln bestimmt.

*

Der Gottesgeist scheint nicht mehr mchtig zu sein in unserer Welt. Mchtiger scheint sein Gegenspieler zu sein. In Wirklichkeit ist es jedoch so, dass er da ist, der Geist Gottes, dass jedoch viele ihm widerstehen und dass wir alle uns so wenig, viel zu wenig, in seinen Dienst stellen.

Es fehlt uns am Glauben und an der Gromut, an der Eigenstndigkeit in unserer Lebens- fhrung und an der Bereitschaft, Verfolgung zu erleiden um der Wahrheit und um der Ge- rechtigkeit willen.

Und die heilige Firmung, das Sakrament des Geistes, sie ist weithin unwirksam geworden in unserer Welt. Auf sie sollten wir uns am heutigen Tag besinnen. 

Und wir sollten wieder damit beginnen, den Heiligen Geist zu verehren, ihn anzurufen, tglich. Die beiden Hymnen zum Heiligen Geist Komm Schpfer Geist und Komm, o Geist der Heiligkeit - der eine findet sich im Stundengebet der Kirche, der andere hat seinen Ort in der Feier der Heiligen Messe am Pfingstfest als Sequenz -, diese beiden Hymnen mssen gleichsam zur eisernen Ration eines jeden bewussten Christen gehren. Wir sollten sie auswendig lernen und tglich wenigstens einen von ihnen beten. 

Bitten wir den Heiligen Geist - nicht nur heute -, dass wir gute Werkzeuge sind in seiner Hand, dass wir immer neu in seinem Licht die Wahrheit erkennen und in seiner Kraft fr sie einstehen und stets das Gute vollbringen, ohne uns selber dabei zu schonen, beispielhaft fr die vielen Suchenden unserer Tage, fr die unermessliche Zahl der Enttuschten und Ver- fhrten, zur Ehre Gottes und seiner Kirche. Amen.

 

PREDIGT ZUM 7. OSTERSONNTAG (6. SONNTAG NACH OSTERN), GEHALTEN 
AM 8. MAI 2005 IN FREIBURG, ST. MARTIN

VATER, VERHERRLICHE DEINEN SOHN 
UND BEWAHRE SIE, DIE JNGER, IN DEINEM NAMEN

Die Lesung und das Evangelium sprechen vom Abschied Jesu von seinen Jngern von sei- nem Leiden und seinem Sterben und von der Teilhabe der Jnger daran, wenn er von ihnen gegangen sein wird. Was Jesus seinen Jngern hier voraussagt, das erfllt sich schon bald in der jungen Kirche: Sie werden verfolgt um seines Namens willen. Im Jahre 42 stirbt der Erste aus dem Kreis der Zwlf den Mrtyrertod, Jakobus der ltere, einer der beiden Zebedus-Shne.

Zwei Bitten richtet der von seinen Jngern Abschied Nehmende an seinen Vater im Himmel, die eine Bitte lautet Vater, verherrliche mich, die andere bewahre sie, die Jnger, in dei- nem Namen. 

Bei der ersten Bitte denkt er an seinen eigenen Leidensweg, bei der zweiten an den Lei- densweg seiner Jnger. Er betet, weil er nicht nur Gott, sondern auch ein Mensch ist - als Gott braucht er nicht zu beten - und weil er uns ein Beispiel geben will. 

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Die erste Bitte Jesu, Vater, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn Dich verherrliche, sie bezieht sich auf sein unmittelbar bevorstehendes Leiden und auf den gewaltsamen Tod, den er schon bald sterben wird. Er bittet den Vater um Kraft, dass er das durchstehen kann, was ihm bevorsteht. 

Als ganzer Mensch hat er Angst vor dieser Bewhrungsprobe, Todesangst hat er vor dem grausamen Sterben, wie wir alle Angst haben vor groen Prfungen, die ber uns kommen. Er nimmt die Passion und den Tod jedoch auf sich, weil er wei, dass sein Leiden und Ster- ben der Verherrlichung Gottes und der Erlsung der Menschen dient. 

So ist es immer: Die Ehre Gottes ist das Heil des Menschen. Dieser Ehre Gottes zu dienen, das ist auch unsere Aufgabe, unsere erste und grte Aufgabe. Die Ehre oder die Verherr- lichung Gottes ist aber zugleich unser Weg zum Heil, die Verherrlichung Christi und des Vaters im Himmel. Sie ist zugleich auch die erste und grte Aufgabe der Kirche als ganzer. Darum muss die Kirche sich in erster Linie bemhen. 

Damit haben wir einen sehr wunden Punkt berhrt in der Landschaft unseres Lebens, in der Landschaft auch des Lebens der Kirche. Denn mit der Ehre Gottes liegt es heute sehr im Argen, in unserem persnlichen Leben und auch im Leben der Kirche. Die Verehrung des Menschen verdunkelt nicht selten die Verehrung des dreifaltigen Gottes. Wir ehren den Menschen, und wir ehren uns selbst. Oft tritt der Mensch an die Stelle Gottes, auch in der Kirche. Immer hufiger geschieht das. Das ist eine verhngnisvolle Verkehrung der Ord- nung. Nicht der Mensch ist jedoch die Mitte, der erste Platz gehrt Gott. 

Es ist nicht so, als ob Gott etwas gewinnen knnte, wenn wir ihn verehren, wenn wir ihn ver- herrlichen, aber wir Menschen werden dadurch der Wirklichkeit gerecht, und - Gottes Ehre ist unser Heil. 

Nicht er gewinnt etwas durch uns, wir aber gewinnen alles durch ihn, wir gewinnen alles, wenn wir Gott die Ehre geben. Es ist so, dass durch die Ehre Gottes unsere Ehre erst ihr Fun- dament erhlt. Denn nur dann, wenn der Mensch Gottes Herrschaft anerkennt, bewahrt er seine Wrde. Gott ist es, der die Wrde des Menschen garantiert. 

Daher zerstren die Menschen, wo immer sie von Gott abfallen, das Bild des Menschen. Wo das Antlitz Gottes nicht mehr leuchtet, das wird das Antlitz des Menschen verdunkelt. Wer sich von Gott abwendet, um dem Menschen zu dienen, wird ihn und sich selbst bald ver- sklaven. 

Die Ehre Gottes und Christi wird heute sehr klein geschrieben. Im Grunde ist das die eigent- liche Wurzel aller bel unserer Zeit, in Kirche und Welt, oder wenigstens eine sehr be- deutende. Alle Ehre gilt dem Menschen, so sagt man heute gern. Aber ohne die Ehre Gottes gibt es keine Ehre fr den Menschen, auf die Dauer. Ohne Gott verliert der Mensch seine Wrde, ber kurz oder lang, ohne Gott zerstrt er schlielich alle Ordnungen in der Welt. Das Haus der Welt wird unwirtlich, wenn die Menschen Gott aus diesem Haus verbannen.

Gott verherrlichen und Christus, das geschieht durch das Gebet, durch den Got-tesdienst und durch die treue Erfllung der Gebote Gottes. 

Es sind nicht mehr viele Menschen, die das Gebet als die hchste und wichtigste Ttigkeit des Menschen verstehen, und auch der Gottesdienst der Kirche findet keine besondere Wertschtzung mehr. Viele beten berhaupt nicht mehr, knnen nicht mehr beten und ma- chen einen groen Bogen um die Kirche herum. Und es scheint so, als ob ihre Zahl im Wachsen begriffen wre.

Viele halten das Beten fr vllig berflssig und sehen jene, die beten, als Trumer an, hal- ten sie fr dumm oder fr kindlich. Sie wissen nicht mehr, dass die Welt eigentlich vom Ge- bet lebt, vom Dank- und vom Lobgebet und auch vom Bittgebet.

Unser Menschsein wrde noch mehr mit Fen getreten und die Wrde des Menschen wr- de noch mehr missachtet, als es schon geschieht, und es gbe noch mehr Leid in der Welt, wenn es nicht - in einer gewissen Zahl - noch jene Menschen geben wrde, die zuerst nach oben schauen, die sich die Wertschtzung des Gebetes und des Gottesdienstes der Kirche bewahrt haben. 

Christus und Gott verherrlichen, das geschieht nicht nur durch unser Beten und durch die Feier der Gottesdienste, das geschieht auch durch unser Bekenntnis zu Gott, zu Christus und zu seiner Kirche. Zu diesem Bekenntnis gehrt, dass wir unsere Arbeit fr Gott und fr Chri- stus verrichten, als Zeichen der Liebe, dass wir unsere Aufgaben im Alltag erfllen als Dienst an der Kirche und an den Menschen. 

Zu diesem Bekenntnis gehrt, dass wir uns ben in allen Tugenden, vor allem in den Tugen- den der Gerechtigkeit, der Tapferkeit, der Geduld und der Selbstberwindung. Zu diesem Bekenntnis gehrt endlich, dass wir uns unser Tun und Lassen nicht von drauen vorschrei- ben oder aufdrngen lassen und dass wir uns einsetzen fr Gott, fr Christus und seine Kirche, nicht nur da, wo es unserer Ehre dient, sondern vor auch allem da, wo wir uns dabei Feindschaft, Verfolgung und Leiden einhandeln. - Um Jesu willen verfolgt zu werden, das widerfhrt uns im Handumdrehen, wenn wir nur einmal dezidiert Gottes Rechte beim Na- men nennen.

Und die zweite Bitte Jesu bei seinem Abschied, sie lautet bewahre sie in deinem Namen. Dabei denkt er an den Leidensweg seiner Jnger. Er hatte es ihnen des fteren vor- ausgesagt, eindringlich, dass der Jnger nicht ber dem Meister ist. 

Bewahre sie in deinem Namen, damit meint er, dass sie bereit sind, an seinem Schicksal Anteil zu haben und Verfolgung zu erleiden um der Wahrheit und um der Gerechtigkeit willen, dass sie ihm und Gott die Treue halten, dass sie sich nicht der Welt anpassen und ihr nicht gleichfrmig werden, dass sie sich nicht durch den Hass und die Feindschaft der Welt unterkriegen lassen, dass sie ihrer Sendung treu bleiben und das Wort Gottes bewahren auf allen Wegen ihres Lebens.

Bewahre sie in Deinem Namen, dazu gehrt auch, dass die Jnger die Einheit des Geistes bewahren. Diese Einheit ist heute bedroht, mehr denn je, in allen Bereichen, in den Ehen, in den Familien, im beruflichen Leben, in den Gemeinschaften, in denen wir leben, im gesell- schaftlichen und politischen Leben und auch im Leben der Kirche. Zuweilen hat man den Eindruck, dass alles auseinanderzubrechen droht. berall behauptet sich der Streit. Die Menschen werden dabei immer mehr vereinzelt und immer einsamer. Ja, um die Einheit ist es wahrlich nicht gut bestellt. Fr die Christen aber ist sie eigentlich das A und 0. Deshalb, weil der Kern der christlichen Botschaft die Liebe ist. Das Christentum ist die Religion der Liebe. 

Dem Anliegen der Einheit des Geistes ist jedoch nicht gedient, wenn man einfach alle Ge- genstze berspielt. Es geht hier um die Einheit in der Wahrheit. Ohne die Wahrheit hat die Liebe nur ein schwaches Fundament. Ja, die Wahrheit hat letzten Endes einen hheren Rang als die Liebe. Denn geheuchelte Liebe ist ein Zerrbild der Liebe. Und Liebe, die auf dem Irrtum und der Lge aufbaut, ist nur ein So-tun-als-ob. Eine solche Liebe vermag auch nur eine geheuchelte Einheit zu bringen.

Die Liebe zu bewahren und die Einheit zu finden, das ist nicht leicht. In erster Linie ist das eine Frucht des Gebetes. Nicht umsonst betet der Herr um diese Frucht fr uns. Wie er sollen auch wir unser Bemhen mit dem Gebet begleiten und dabei alles vom Gebet erwarten.

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Bei seinem Abschied von seinen Jngern betet Jesus in feierlicher Form fr sich und fr sei- ne Jnger, also fr uns, betet er, dass wir Gott die Ehre geben und dass wir in seinem Na- men bewahrt werden. Er betet um seine Verherrlichung, um die Verherrlichung Gottes durch uns im Gebet und in der gewissenhaften Erfllung der Gebote Gottes und um unsere treue Nachfolge Jesu in dem Bemhen um die Bestndigkeit und um die Einheit des Gei- stes. 

Gott und Christus werden verherrlicht durch unser Gebet und durch unser Bekenntnis und durch unsere Bereitschaft, den unsichtbaren Christus und den sichtbaren Christus - der sicht- bare Christus, das ist die Kirche -, Gott und Christus werden verherrlicht durch unser Gebet und durch unser Bekenntnis und durch unsere Bereitschaft, den unsichtbaren Christus und den sichtbaren Christus zu bezeugen und dieses Zeugnis in alle Bereiche unserer Welt hin- einzutragen. 

Beten wir in diesen Tagen der Vorbereitung auf das Pfingstfest, in dieser Pfingstnovene, um den Geist des Gebetes und der Bestndigkeit in der Verfolgung, um den Geist der Treue, der Liebe, der Selbstlosigkeit und der Einsatzbereitschaft fr die Sache Gottes in einer Welt der Gleichgltigkeit, in einer Welt, die immer mehr ihre Mitte verliert oder zu verlieren droht.

Beten wir darum, dass wir stets Gott die Ehre geben und dass wir bewahrt werden in der Treue zu Christus und zu seiner Kirche. Beten wir mit dem Abschied Nehmenden und beten wir, wie er gebetet hat bei seinem Abschied: Vater, verherrliche deinen Sohn, und bewahre die Jnger in deinem Namen. Amen.

 

PREDIGT ZUM FEST DER HIMMELFAHRT DES HERRN, GEHALTEN 
AM 4. MAI 2005 IN FREIBURG, ST. MARTIN

 WIR SIND FREMDLINGE IN DIESER WELT

Wir feiern heute die Heimkehr Jesu zum seinem Vater im Himmel. In seiner Auferstehung vollendet er sein groes Werk und verlsst die Welt wieder. Wenn wir im Glaubensbe- kenntnis beten: Er (der Auferstandene) sitzt zur Rechten des Vaters, so mssen wir wissen, dass das heute begonnen hat. 

Der verklrte Gottmensch ist in der Herrlichkeit Gottes. Das Leid ist vergangen, die Einsam- keit, die Mhsal und die Schmerzen, das alles ist nun vorber. Die ewige Osterfreude hat ihren Anfang genommen fr den Erlser.

Den Tod und die Snde, alle Not, alle Trnen und alle ngste dieser Welt hat er berwun- den. Als Sieger ist er uns vorausgegangen, als der Erstling der Entschlafenen (1 Kor 15,20). Und er bereitet uns einen Platz in unserer ewigen Heimat. 

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Wenn wir das Fest der Himmelfahrt Christi recht verstehen und ihm den rechten Platz in un- serem Glaubensleben einrumen wollen, dann muss uns diese unsere Welt ein wenig zur Fremde werden, dann mssen wir ein wenig mit Sehnsucht erfllt werden nach der Ewig- keit. Damit wrden wir uns dann aber eine Grundforderung der christlichen Offenbarung zu Eigen machen. Denn immer wieder werden wir in der Heiligen Schrift als Fremdlinge be- zeichnet, als Fremdlinge in dieser Welt, mehr als einmal wird unser Leben da als eine Wan- derung beschrieben, als eine Wanderung zwischen zwei Welten, wiederholt wird da die Heimatlosigkeit gleichsam als eine Grundkategorie unseres Lebens gekennzeichnet. 

Davon sind jedoch viele von uns weit entfernt. Die Vorstellung, dass wir heimatlos sind in dieser Welt, diese Vorstellung ist vielen unserer Zeitgenossen fremd geworden, auch wenn sie sich noch als Christen verstehen. Viele leben so in die Tage hinein, als gbe es kein En- de dieser Tage. Das gilt heute mehr denn je, da die Kraft des christlichen Zeugnisses dahin- schmilzt wie der Schnee in der Sonne, ganz allgemein, und da das rgernis in der Kirche und in der Christenheit bis zum Himmel wchst. Die Abwendung von der Ewigkeit ist wie ein Sog, dem viele erliegen. Das ist einfach eine Tatsache.

Dass wir die Ewigkeit Ewigkeit sein lassen und dass wir uns konzentrieren auf das irdische Leben, das liegt heute so nahe, und das erscheint heute so bequem, dass viele es sich zum Lebensprogramm gemacht haben, auch wenn das Herz leer bleibt dabei. Aber dass das Herz dabei leer bleibt, das merken wir nicht im oberflchlichen Alltag, das merken wir erst spter, vielleicht, wenn berhaupt.

Wir mssen uns heute fragen, ob das auch fr uns gilt, ob auch fr uns das, was wir mit unseren sinnenhaften Augen sehen, wirklicher ist als das Unsichtbare, ob auch unser Herz dem Vordergrndigen gehrt, ob auch wir  heimisch geworden sind in dieser Welt, so, als ob wir sie nie verlassen mssten.

Wir leben in einer Welt, in der sich viele an die Erde verloren haben. Bei vielen ist der Le- benskompass nicht mehr auf den Himmel hin ausgerichtet. In wachsender Zahl empfinden nicht wenige, auch solche, die sich noch Christen nennen, die unglubige Welt, die sie um- gibt, als extrem faszinierend und vergessen damit ihre Vergangenheit. Immer mehr Men- schen werden heute immer anflliger fr einen fragwrdigen Zeitgeist. Sie wollen halt sein, wie sie alle sind. So wollen sie denken, so wollen sie leben, so wollen sie ihre Freizeit ver- bringen, so wollen sie sich vergngen, so wollen sie, nicht zuletzt, auch gekleidet sein. Und der Wohlstand tut sein briges dazu. Damit gert das Ewige in Vergessenheit, mehr und mehr, damit wird mehr und mehr das Sicherste zum Unsichersten und das Unsicherste  zum Sichersten. 

Weil so vielen, die sich noch Christen nennen oder die einstmals Christen waren, die Frem- de zur Heimat geworden ist und die Heimat zur Fremde, darum ist das Christentum so lahm geworden, so wenig berzeugend, darum hat die Kirche so viel Vertrauen verspielt, darum ist sie dabei, immer mehr Vertrauen zu verpielen. Und - ich denke - wir alle mssen hier unser mea culpa sprechen. 

Dabei mssen wir bedenken: Es ist einfach ein Faktum: Alle groen Zeiten der Kirche und des Christentums waren bestimmt von dem Bewusstsein, dass wir Fremdlinge und Pilger sind in dieser Welt. Und alle groen Heiligen haben ihr Leben im Bewusstsein der Vorlu- figkeit dieser unserer irdischen Existenz gelebt. Und sie wurden letzten Endes deshalb Hei- lige, weil sie bestimmt waren in ihrem Denken und in ihrem Handeln von der Sehnsucht nach der Ewigkeit. 

Der heilige Augustinus - er starb im Jahre 430 - erklrt: Christus stieg auf zum Himmel, so steige unser Herz mit ihm auf (Sermo de Ascensione Domini, 98, 1). 

Wer sich nicht auf den Weg macht, gelangt nicht ans Ziel. Bemhen wir uns nicht um den Himmel, so wird er uns nicht geschenkt, wenn wir einst diese Welt verlassen mssen.

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Der in den Himmel Aufgefahrene hat uns verlassen, und dennoch ist er bei uns geblieben. Der Auferstandene ist bei uns geblieben in dieser Welt, trotz seiner Heimkehr zum Vater. Er hat die Welt verlassen, und ist dennoch in ihr verblieben. Das erklrt die Freude der Jnger auf dem lberg in der denkwrdigen Stunde ihres Abschieds. Alle Tage bis an das Ende der Zeiten ist er bei uns, der Auferstandene, in einer neuen und tieferen Weise, als er es war in seiner geschichtlichen Existenz. Das drfen wir nicht vergessen, das mssen wir immer vor Augen haben. Die fortwhrende Gegenwart des zum Vater Heimgekehrten, die wir glauben, sie muss unser Leben bestimmen. 

Das ist eine groe Wirklichkeit: In der Mhsal unserer Pilgerschaft begleitet uns der Aufer- standene, wie er einst die Emmaus-Jnger begleitet hat. Wie das geschehen soll, das ist fr ihn ein Leichtes. Als der Auferstandene ist er nicht mehr an den Raum gebunden und an die Zeit. In seiner Gottheit war er das nie, aber in seiner Menschheit war er es. Diese seine Menschheit aber ist nun verklrt.

Der auferstandene Christus will mit uns gehen, trstend und ermunternd, wie er mit den Emmaus-Jngern gegangen ist. Das tut er indessen nur dann, wenn wir es ihm gestatten, wenn wir ihn dazu einladen. Er drngt sich nicht auf, und er zwingt uns nicht zu sich hin. 

Dieses Wissen verpflichtet uns dazu, dass wir gut sind und stets das Gute tun, dass wir nicht auf die Seite der Feinde der Kirche treten, die nicht aussterben bis zum Ende der Welt - und die Feinde Christi und seiner Kirche sind heute zahlreich, wahrlich. Ihr Evangelium ist das Evangelium vom Konsum, vom Genieen, von der Rcksichtslosigkeit, vom Stolz und von der Anmaung. Paulus drckt das derb aus, wenn er sagt: Ihr Gott ist der Bauch, ihr Ende aber ist das Verderben (Phil 3,29). 

Wenn der Auferstandene mit uns geht, wenn wir mit ihm durch die Zeit gehen und wenn davon unser Alltag bestimmt wird, dann wird uns immer mehr die Fremde dieser Welt zur Heimat, und die Heimat dieser Welt wird uns dann immer mehr zur Fremde. Die Fremde wird uns zur Heimat, wenn wir mit dem Auferstandenen durch die Zeit gehen, und die Heimat wird uns dann zur Fremde.

Dann aber werden wir, gleichsam ohne uns anzustrengen, gewissermaen im Vorberge- hen, die Welt fr die ewige Ankunft Christi bereiten. Zeugen des Auferstandenen werden wir dann, das heit: Zeugen der Erlsung.

Dieses Zeugnis muss freilich seinen Ausdruck finden in unserem Verhalten, das alternativ sein muss im besten Sinne des Wortes. 

Wir werden dann Zeugnis geben durch unsere Gewissenhaftigkeit in der Arbeit, durch unse- re Zuversicht in der Bedrngnis, durch unseren Eifer im Gebet und durch unseren unbesieg- baren Glauben, der immer tiefer und reiner wird in den Anfechtungen dieses unseres Le- bens.

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Das Geheimnis der Himmelfahrt des Herrn lehrt uns, unsere irdische Heimat ein wenig als Fremde und die himmlische Heimat immer mehr als unsere wahre Heimat zu verstehen. 

Der Jnger Jesu ist ein Fremdling in dieser Welt, er liebt das Unsichtbare mehr als das Sichtbare, er sucht, was droben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt (Kol 3,1). Er wei sich auf dem Weg in die himmlische Heimat. Dabei geht er mit dem Auferstandenen durch die Zeit, mit dem, der von sich gesagt hat: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden (Mt 28, 18).  Wer sollte sich da noch frchten? 

In der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus wird uns die Fremde dieser Welt, der Zustand der Vollendung, die jenseitige Welt, immer mehr zur Heimat, ja, die Fremde dieser Welt wird uns zur eigentlichen Heimat, wenn wir mit dem Auferstandenen durch die Zeit gehen und wenn wir uns von ihm begleiten lassen. 

Diese Gemeinschaft trstet uns. Sie ist uns aber auch Verpflichtung. Denn jede Gabe, die Gott uns schenkt, ist zugleich eine Aufgabe fr uns, egal, ob wir sie unmittelbar aus der Hand Gottes empfangen oder ob Gott sich dabei seiner Geschpfe bedient. Amen.

 

PREDIGT ZUM 6. OSTERSONNTAG (5. SONNTAG NACH OSTERN), 
GEHALTEN AM 1. MAI 2005 IN FREIBURG ST. MARTIN

ICH WERDE EUCH NICHT ALS WAISEN ZURCKLASSEN, 
ICH KOMME WIEDER ZU EUCH

Wie die Statistiken uns sagen, sind es in Deutschland jhrlich mehr als 75 000 Katholiken, die aus der Kirche austreten, Namenskatholiken, natrlich. Und mehr als 3/4, mehr als 75 % der Katholiken fehlen in der Sonntagsmesse, obwohl sie doch unter schwerer Snde ver- pflichtet sind, die heilige Messe am Tag des Herrn mitzufeiern. 

Ein Drittel aller Bundestagsabgeordneten ist religionslos, gehrt keiner Religionsgemein- schaft an. Bei der FDP sind es 32 %, bei der SPD 42, bei den Grnen 61, bei der PDS 93.

75 000 Kirchenaustritte, das bedeutet: Jhrlich sterben 15 Pfarreien, wenn man fr eine Pfar- rei 5 000 Seelen ansetzt. Und von den ungefhr 30 Millionen Katholiken, die bei uns zur Sonntagsmesse kommen mssten, kommen nur etwas mehr als 5 Millionen. Diese Zahlen werden noch alarmierender, wenn man sie nach Altersgruppen aufschlsselt. 

Das war so im Jahre 1996, vor 10 Jahren. Heute hat sich die Situation eher verschlechtert als verbessert (vgl. Kirche und Leben, Kirchenzeitung fr das Bistum Mnster, 1997, Nr. 1).

Das strenge Sonntagsgebot gilt nach wie vor, weil es im Grunde ein Gottesgebot ist. Das heit: Wer bei klarer Erkenntnis und mit freiem Willen der Sonntagsmesse fernbleibt, ver- liert das Heil, verliert die heiligmachende Gnade, die er nur durch Reue und Beichte zu- rckgewinnen kann, im Notfall allein durch die Reue, die dann freilich eine Liebesreue sein muss. Wer das Sonntagsgebot bertritt, gefhrdet also seine Ewigkeit, wohlgemerkt, wenn er dieses Gebot bei klarer Erkenntnis und freiwillig bertritt und sich nicht wieder mit Gott vershnt. So haben wir es einst gelernt. So stand es im Katechismus. So gilt es auch heute noch. Dabei ist zuzugeben, dass der Sog der Masse bei vielen das Denken und oft auch das freie Handeln verhindert oder paralysiert. Dennoch drfen wir das Faktum nicht verschwei- gen.

Die genannten Zahlen zeigen eine Entchristlichung an, die man schon nicht mehr eine schleichende nennen kann. Darauf kommt es an bei diesen Zahlen. 

Der Prozess des Abfalls vom Glauben und - mehr noch - von der Religion berhaupt ist ein gigantischer. Jedes religise Verhalten gilt heute weithin als anachronistisch. Das mssen wir nchtern feststellen. Das muss uns ein Anlass sein, das wir unser Gewissen grndlich erforschen und uns fragen, wie weit auch wir dem areligisen Geist der Zeit verfallen sind. Das ist ein erster Appell an unser Gewissen.

Wenn Gott so vielfach die Ehre vorenthalten wird und ihm so viel Undankbarkeit entgegen- gebracht wird, wenn Gott so oft nicht mehr beachtet wird und wenn so viele sich den Gtzen dieser Welt verschreiben, dann muss uns das zu denken geben. 

Im Evangelium des heutigen Sonntags hren wir von dem Heiligen Geist, dem Trster, den Jesus seinen Jngern fr die Zeit nach seiner Auferstehung verheit. Dieser Geist gehrt demnach zur Kirche. Heute nicht mehr. So hat es jedenfalls den Anschein. Doch er ist da, der Heilige Geist, auch heute, aber sein Wirken ist nicht mehr erkennbar - auf weite Strecken hin. Darum der groe Auszug aus der Kirche. Darum ist die Kirche so wenig wirk- sam in der Welt. Darum ist sie in solchen Nten. Zuweilen, mchte man sagen, geradezu in Todesnten.

Wre die Kirche strker und deutlicher vom Geist Gottes, vom Heiligen Geist, bestimmt, dann stnde sie als Ganze intellektuell und moralisch auf einem hheren Niveau, dann wrde die Zahl ihrer Glubigen nicht mehr abnehmen, sondern zunehmen, dann wrden die Kirchen nicht mehr leerer werden, sondern voller, dann wrde das Vertrauen zur Kirche nicht mehr immer geringer, sondern immer grer. 

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In der Kirche hat der Geist Gottes, der Heilige Geist, die Stelle des irdischen Jesus inne. Vor seinem Leiden und Sterben erklrt dieser seinen Jngern: Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Trster senden, den Geist der Wahrheit (Joh 14, 16). Der Hei- lige Geist macht die Kirche lebendig, er ist der Lebensatem Gottes, so knnen wir im Bilde sagen. Der Mensch stirbt, wenn sein Atem erlischt, wenn er keine Luft mehr bekommt. Die Kirche verliert ihre Lebenskraft, wenn der Geist in ihr nicht mehr zum Zuge kommen kann. Dann wird sie unfruchtbar, dann wird ihr geistiges Antlitz verdunkelt. 

Der Geist Gottes wirkt aber in der Regel nicht unabhngig von uns in der Kirche. Normaler- weise setzt sein Wirken unser Wirken voraus. Und wir widerstehen ihm, wenn wir einem widergttlichen Zeitgeist nachlaufen. Da ist er auch heute, der Heilige Geist, denn Gottes Wort ist ehern, und die Abwesenheit des Gottesgeistes in der Kirche kann nur eine schein- bare sein. Aber er wirkt nicht ohne uns. Wir mssen uns ihm ffnen, wir mssen in Bezie- hung zu ihm treten - wir nennen das Beten -, und wir mssen ihn bezeugen durch unser Le- ben.

Davon spricht die Lesung dieser heiligen Messe: Durch das Wort und durch das Leben m- ssen wir Zeugnis ablegen fr den Heiligen Geists. Wir drfen also nicht mit den Wlfen heu- len. Davor msste uns schon die Vernunft warnen. Um wie viel mehr der Glaube: Wenn wir mit den skularisierten Wlfen heulen, dann lachen uns diese am Ende aus und verachten uns, und das nicht einmal zu Unrecht. 

Fr unsere religisen berzeugungen mssen wir jederzeit und jedermann Rede und Ant- wort stehen, und das nicht nur im Wort, sondern auch in der Lebensfhrung. Was besagt das im Einzelnen?

Zunchst das Zeugnis des Wortes: Die Lesung spricht von der Verteidigung des Glaubens. Diese muss in Gelassenheit und Ehrfurcht geschehen, das heit nicht fanatisch, sondern in vornehmer und freundlicher Weise, in Ehrfurcht gegenber Gott und gegenber dem Men- schen und im Respekt vor dem Menschen und seiner Freiheit, auch und gerade wenn er sich irrt. Wenn es um Fragen des Glaubens geht, besteht immer die Gefahr, dass wir uns erei- fern. Das sollten wir nicht tun. Dadurch wird ein Groteil unseres Zeugnisses schon unwirk- sam.

Unbeirrt und in demtiger berlegenheit muss die Verteidigung des Glaubens erfolgen. Der Kopf muss dabei hart, das Herz aber weich sein.

Wenn wir den Glauben verteidigen, dann sind wir Werkzeuge Gottes. Das muss uns mit hei- ligem Stolz erfllen. Aber - wir sind oft sehr unvollkommene Werkzeuge, das muss uns de- mtig machen. 

Fr das Zeugnis des Wortes mssen wir uns allerdings das ntige Wissen aneignen: durch Lektre, durch die richtige Lektre freilich, durch Weiterbildung im Glauben, durch die rich- tige freilich - darauf muss heute hingewiesen werden, nachdrcklich -, und nicht zuletzt durch das Gebet. 

Das Zeugnis des Wortes muss dann allerdings immer ergnzt werden durch das Zeugnis des Lebens. Die Lesung erinnert uns daran, dass wir durch unseren Wandel in Christus die Ver- leumder beschmen und bereit sein mssen, fr unsere berzeugung zu leiden - wie Chri- stus einst gelitten hat und mit dem Tod bestraft worden ist, weil er fr die Wahrheit Zeugnis abgelegt hat. Gleich zweimal ist von diesem unserem Wandel die Rede im Evangelium: Wenn ihr mich liebt, haltet ihr meine Gebote - wer meine Gebote hlt, der liebt mich. 

Das Zeugnis des Lebens verlangt unser ernsthaftes Bemhen um den Willen Gottes. Es ver- langt von uns das Abrcken von dem bequemen man tut und von dem trgen man denkt. Es verlangt von uns den Mut zu einer eigenstndigen Lebensfhrung. Heute bedeu- tet das vor allem Mut zur Konfrontation mit den Feinden der Kirche, sei es, dass sie drauen stehen, sei es, dass sie noch drinnen sind. Zuweilen hat man den Eindruck, dass die Feinde der Kirche innerhalb der Kirche viel zahlreicher sind als auerhalb ihrer.

Zum Zeugnis des Lebens gehrt auch das Vertrauen auf Gottes Gnadenhilfe, das Gebet, vor allem das Bittgebet, und die Inanspruchnahme der Sakramente der Kirche, vor allem der Sakramente der Bue und der Eucharistie. 

*

Die Zukunft der Kirche hngt ab vom Heiligen Geist. Nur wenn er wieder zum Zuge kommt in ihr, wird sie einen neuen Frhling erleben. Das Wirken des Geistes setzt aber unser Wirken voraus, das Zeugnis aller, der Priester und der Glubigen, durch das Wort und durch das Le- ben. Es gilt, dass wir uns in unserem Reden und Handeln dem Wirken des Heiligen Geistes ffnen. Das aber bedingt zunchst eine Vertiefung des religisen Lebens und eine neue Hin- wendung zu Gott, dem Ursprung und Ziel unseres Lebens. Damit muss es beginnen. Amen.

 

PREDIGT ZUM 5. OSTERSONNTAG (4. SONNTAG NACH OSTERN), 
GEHALTEN AM 24. APRIL 2005 IN FREIBURG, ST. MARTIN

IHR SEID EIN AUSERWHLTES GESCHLECHT, 
EINE KNIGLICHE PRIESTERSCHAFT

Die Kernaussage der Lesung, die wir soeben vernommen haben, lautet: Wir alle, die wir ge- tauft sind und gefirmt, wir alle sind Priester. Das Gottesvolk des Neuen Bundes ist in seiner Gesamtheit ein Volk von Priestern. Das ist ein Gedanke, der uns nicht nur hier, nicht nur an dieser Stelle, begegnet. Wiederholt begegnet er uns in der Heiligen Schrift. Um ihn recht zu verstehen, mssen wir uns daran erinnern, dass wir wohl unterscheiden mssen zwischen dem Priestertum der Glubigen und dem Amtspriestertum, zwischen dem allgemeinen Prie- stertum und dem besonderen. Wenn das Gottesvolk des Neuen Bundes in seiner Gesamtheit als ein Volk von Priestern verstanden werden muss, so heit das nicht, dass damit das be- sondere Priestertum aufgehoben ist, das Amtspriestertum. Diese Auffassung vertreten aller- dings die reformatorischen Christen - vielfach jedenfalls, nicht allgemein, teilweise hat sich bei ihnen auch das katholische Verstndnis durchgehalten, wenn man sich nicht gar neu darauf besinnt -, im Allgemeinen gibt es fr die reformatorischen Christen nur das allgemei- ne Priestertum, und sie begrnden damit einen tiefen Graben zwischen dem katholischen und dem evangelischen Glauben.

Das allgemeine Priestertum darf man nicht gegen das besondere ausspielen. Das erlaubt uns die Heilige Schrift nicht. Und die Erfahrung lehrt uns: Wo immer man diese zwei Gege- benheiten, das allgemeine und das besondere Priestertum, nicht gelten lsst, wo immer man die Gleichheit aller Christen behauptet, den Unterschied der Berufung und der ber- natrlichen Ausstattung fr diese Berufung leugnet, da wird man bald berhaupt das Gespr fr das Priestertum verlieren. 

Angesichts solcher Zusammenhnge drngt sich die doppelte Frage auf, was mit dem Prie- stertum der Glubigen gemeint ist im Unterschied zum Amtspriestertum und was der Ur- sprung des Priestertums, des zweigestaltigen Priestertums, ist. 

*

Wenn wir nach dem Priestertum der Glubigen fragen, mssen wir uns Rechenschaft dar- ber geben, was das Wesen des Priestertums berhaupt ist, was berhaupt gemeint ist mit dem Priestertum. 

Priester gibt es in den meisten Religionen der Menschheit. Sie haben die Aufgabe, Brcken zu bauen, Brcken von dieser sichtbaren Menschenwelt zur unsichtbaren Welt Gottes. Pon- tifices, Brckenbauer, nannten die alten Rmer die Priester. Noch heute nennen wir den Papst den Pontifex maximus, den obersten Brckenbauer. Priester sein heit Mittler sein zwischen der Zeit und der Ewigkeit, zwischen Mensch und Gott, Priester sein heit Bote je- ner anderen Welt sein, von der alle Menschen in der Tiefe ihres Herzens trumen, ob sie es wahr haben wollen oder nicht.

Die Priester erfllen ihre Mittleraufgabe - so hat es die Menschheit immer verstanden - in er- ster Linie durch das Opfer. Das Priestertum ist dem Opfer zugeordnet. Im Opfer wird Gott eine sichtbare Gabe dargebracht, als Zeichen der Hingabe, um ihn zu vershnen, um so sei- ne Majestt und Gre anzuerkennen und die Kleinheit und Abhngigkeit des Menschen zum Ausdruck zu bringen und die Vergebung der Snden zu erwirken. Das wichtigste Ele- ment des Priesterseins ist die Darbringung des Opfers. Darin wird in erster Linie immer wieder eine Brcke gebaut ber dem Abgrund, der das Diesseits vom Jenseits trennt. Darin wird in erster Linie vermittelt zwischen dem Geschpf und dem Schpfer. Darin findet der Mensch am ehesten Zugang zu Gott, kann er am ehesten und am fruchtbarsten die Zuwen- dung Gottes erlangen.

Die alttestamentlichen Priester, die Mitglieder des Stammes Levi, hatten als Priester keine andere Aufgabe als diese, die Darbringung des Opfers. Damals ging es um Tiere, um Stiere und Lmmer, seltener um pflanzliche Nahrungsmittel. Man zerstrte das Opfer, so dass es dem menschlichen Gebrauch entzogen war, oder man bergab es Gott symbolisch, um es anschlieend zu verzehren und damit, mit der gttlichen Gabe, in eine ganz innige Bezie- hung zu Gott selber zu treten. 

Das mittlerische Amt des Priesters besteht aber in sehr vielen Religionen nicht allein in der Darbringung des Opfers, sehr oft gesellt sich hinzu die Verkndigung von Gottes Botschaft und die Erklrung der Rechte Gottes und seines Willens. In Israel oblag diese Aufgabe nicht den Priestern. Die Israeliten hatten dafr ein eigenes Amt, das Amt des Propheten. Anders ist das im Neuen Testament und der daraus hervorgehenden Christenheit. Da ist der Priester der, der das Opfer darbringt, und zugleich der, der bevollmchtigt die Botschaft Gottes ver- kndigt und die Glubigen zu einem Leben nach den Geboten Gottes anhlt und ihnen in den Sakramenten in vielfacher Gestalt die Hilfe Gottes dazu vermittelt. Der Priester des Neu- en Bundes ist der Brckenbauer, der Pontifex, in der Feier des Opfers, aber er ist es auch, indem er streitet fr die Rechte Gottes, indem er im Auftrag Gottes vor sein Volk hintritt, um ihm Heil und Unheil anzukndigen, und indem er an der Spitze des Volkes Gottes steht und ihm ein Vorbild ist fr einen heiligen Lebenswandel. 

Der Priester fhrt also die Menschen zu Gott durch das Opfer und durch die Verkndigung des Wortes, durch die Leitung und durch sein Beispiel. 

An dieser priesterlichen Aufgabe nehmen nun alle Glubigen teil, indem sie sich selber im- mer wieder Gott schenken, vor allem in der Mitfeier des Messopfers, und indem sie glubig das Wort Gottes annehmen und es in einem christlichen Lebenswandel verwirklichen und weitergeben, indem sie im so genannten Laienapostolat ihren Glauben durch das Zeugnis des Lebens und des Wortes ausbreiten und tapfer einstehen fr die Rechte Gottes. 

Das heit: Das Priestertum der Glubigen besteht in der Hingabe an Gott, im Empfang der heiligen Sakramente, vor allem in der Mitfeier des eucharistischen Opfers und in der Erfl- lung seiner Gebote, in dem furchtlosen Bekenntnis zur Kirche und zu ihrer Botschaft und in der treuen Erfllung des Willens Gottes im Alltag. 

Zu all dem ist auch der Amtspriester berufen. Auch er muss sich hingeben an Gott und seine Gebote erfllen, auch er muss demtig glaubend das eucharistische Opfer mitfeiern und die Hingabe an Gott, den Vater, vollziehen in der Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Christus, auch er muss sich zur Kirche und zu ihrer Botschaft bekennen. Aber darber hinaus muss er das Kreuzesopfer immer neu sakramental gegenwrtig machen, die brigen Sakramente spenden und das Wort authentisch verknden vor der Gemeinde und fr die Gemeinde, an Christi Stelle, ihn reprsentierend. Er gehrt zum Gottesvolk und zugleich steht er an der Spitze des Gottesvolkes. Er steht nicht nur in der Gemeinde, er steht auch vor der Gemein- de. Der heilige Augustinus, Bischof von Hippo in Nordafrika, sagt vor mehr als 1500 Jahren(+ 430): Mit euch bin ich Christ, fr euch bin ich Priester (Augustinus, Enarrationes in Psal- mos, 126, 3).

Die Verantwortung, die der Priester von Amts wegen trgt, auch sie kommt dabei allen Glubigen zu, ihnen allerdings in einem abgeschwchten Sinne. Das Mittlertum der Glu- bigen steht in Abhngigkeit zum Mittlertum des Amtspriesters, es ist sekundr gegenber dem Ersteren. Whrend das Amtspriestertum aktiver Natur ist, ist das Priestertum der Glu- bigen passiv getnt, hat es gewissermaen Antwortcharakter.

Die zweite Frage, die wir gestellt hatten, war die nach dem Ursprung des Priestertums: Alles Priestertum leitet sich her von dem Hohenpriester Jesus Christus, der durch sein Gott- menschsein und durch seinen Tod am Kreuz der Mittler zwischen Gott und dem Menschen geworden ist. Er ist der einzige Mittler geworden, weil er sich selber mit Leib und Leben fr alle am Kreuz geopfert hat. Seither gibt es nur noch ein abgeleitetes Priestertum, seither ist jedes authentische Priestertum bezogen auf das Priestertum des menschgewordenen Got- tessohnes. Zu ihm aber treten wir alle in eine besondere Beziehung durch die Taufe und durch die Firmung. Da werden wir ihm verhnlicht. Das ordnet uns darauf hin und das befhigt uns dazu, die Welt zu heiligen, wie er sie geheiligt hat, uns Gott zu opfern, wie er sich dem Vater geopfert hat, die Menschen zu Gott zu fhren, wie er die Menschen zu Gott gefhrt hat, und so Gottes Reich in der Welt zu bauen.

Diese Verhnlichung mit Christus durch Taufe und Firmung wird berhht durch die Prie- sterweihe, sie erhlt in ihr eine neue Qualitt. In der Priesterweihe erhlt der Getaufte und Gefirmte die Vollmacht und den Auftrag, Christus fr das Volk zu reprsentieren, in der Voll- macht Christi vor das Volk Gottes zu treten und ihn vor dem Gottesvolk zu vertreten, den ein- zigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, und sein Opfer sichtbar und wirksam zu machen in der Welt. Die grere Nhe zu Christus bedeutet aber die grere Verantwortung fr den mittlerischen Dienst, fr die Rettung der Welt, fr die Vershnung der Menschen. 

*

Wenn die Lesung sagt alle sind Priester, so bedeutet das: Alle tragen Verantwortung fr die Verhltnisse in Kirche und Welt, fr die Ausbreitung der Botschaft und fr die Vermitt- lung der Gnade des Gekreuzigten, so bedeutet das: Es gibt kein privates Christsein, aber die Verantwortung ist verschieden, und sie kann nur in der rechten Ordnung wahrgenommen werden. Das allgemeine Priestertum ist abhngig von dem besonderen, von ihm erhlt es seine Kraft und seine Richtung. Im besonderen Priestertum ist es Christus selber, der sein Volk leitet, bis er einst wiederkommt. 

Das Leitungsamt ist nicht nur ein Auftrag, nicht nur eine Funktion, es ist seinshaft qualifiziert, und in ihm leitet Christus selber seine Kirche. 

Das ist ein hoher Anspruch. Aber so hat Christus seine Kirche gewollt. Es ist nicht unsere Kir- che, es ist die Seine. Amen. 

  

PREDIGT ZUM 4. OSTERSONNTAG (3. SONNTAG NACH OSTERN), 
GEHALTEN AM 17. APRIL 2005 IN FREIBURG, ST. MARTIN

DER HERR IST MEIN HIRT, NICHTS KANN MIR FEHLEN

Gott ist der Hirt seines Volkes und jedes Einzelnen, der zu diesem seinem Volk gehrt. Das ist eine Wirklichkeit, die das Alte Testament in Psalm 23 hymnisch besingt: Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen ... er fhrt mich zur Ruh an lebendige Wasser, gewhrt mei- ner Seele Erquickung ... und msste ich gehen in dunkler Schlucht, ich frchte kein Unheil, denn du bist bei mir. Nicht nur an dieser Stelle wird Gott als Hirt bezeichnet. Immer wieder geschieht das im Alten Testament, und immer wieder wird dabei die Geborgenheit des Menschen angesprochen, der in der Herde Gottes verbleibt und sich nicht von ihr lossagt, um eigene Wege zu gehen. Zuweilen klingt dabei gar der Gedanke an, dass Gott der Hirt nicht nur seines Volkes Israel ist, sondern aller Menschen, aller Menschen, die guten Willens sind. Daher wurde Jesus gut verstanden von seinen Zeitgenossen, wenn er sich mit Nach- druck als den Hirten der Menschen bezeichnete, wenn er sich als den einzigen Hirten bezeichnete, der seine Herde vor dem Verderben bewahrt, wenn er sich den einzig recht- migen Hirten nicht nur seines Volkes Israel, sondern aller Vlker der Erde nannte. Wenn er so sprach, erkannten seine Zuhrer sehr wohl, dass er sich damit neben Gott stell- te, dass er sich damit Gott gleich machte. Darum nahmen sie Ansto an ihm. Das taten sie mit Recht aus ihrer Sicht. Wir aber werden, wenn wir glubig Jesu Worte hren, erkennen, dass alle unsere Wege Holzwege sind, wenn sie an ihm vorbeifhren, dass alle unsere Behauptun- gen Lge sind, wenn sie mit seinen Worten unvereinbar sind, und dass unsere Wege uns letztlich zum Tode fhren, weil nur er allein strker ist als der Tod, als der zeitliche und der ewige Tod. 

Messen wir daran einmal die Lebensgrundstze unserer Zeitgenossen und auch unsere eigenen Lebensgrundstze. Viele gehen heute an Christus vorbei. Sie haben keinen Hirten, oder sie folgen falschen Hirten, die zahlreich sind und die sie ins Verderben fhren. Die Heilige Schrift spricht von den falschen Propheten. Denken wir hier an die ffentliche Mei- nung, an den Zeitgeist, an die Erziehung in unseren Schulen oder auch in unseren einst- mals christlichen Familien oder an den Rundfunk, an das Fernsehen, an die Zeitungen und an die Zeitschriften. Viele falsche Hirten sind da am Werk. Leider zuweilen auch in der Kir- che.

Ohne Christus und ohne den Gott der Offenbarung, den wir unseren Vater nennen drfen, sind wir wie Schafe, die keinen Hirten haben, die ohne Fhrung sind und ohne Leitung, oder wie Schafe, die durch falsche Hirten geleitet und gefhrt werden. Die Heilige Schrift nennt sie Mietlinge, die falschen Hirten.

Schafe ohne Hirten oder Schafe, die falschen Hirten folgen, sie gehen auf die Dauer zugrun- de, weil sie keine Nahrung finden, keine gute Nahrung, weil sie den ihnen drohenden Ge- fahren nicht gewachsen sind und niemand sie schtzt und weil sie die heimatliche Hrde nicht finden. 

*

Nun ist es aber nicht so, dass Gott sein Volk unmittelbar leitet. Gewiss, er kann das, er tut es auch immer wieder, vor allem auch auerhalb der Kirche, aber in der Regel leitet er sein Volk durch menschliche Hirten. Gott braucht Menschen, weil er uns sein Wort und seine Gnade durch Menschen vermitteln will. Gott bedient sich menschlicher Hirten, die an seiner Statt Verantwortung tragen fr sein Volk, die es an seiner Statt fhren und leiten. Am Hir- tenamt Gottes und Christi aber nehmen die Priester teil und - in gewisser Weise - die Or- densleute, die sich in der Ganzhingabe an den obersten Hirten in einem Leben nach den evangelischen Rten Christus und dem Evangelium und der Kirche in besonderer Weise verpflichtet fhlen. Solche aber sind nicht in ausreichender Weise vorhanden. Daran er- innert uns der heutige Sonntag der geistlichen Berufe. 

Gott braucht Menschen der Ganzhingabe, weil die gttliche Offenbarung nach dem Willen Gottes nicht durch Bcher verkndet wird, auch nicht durch schne Worte, die Menschen machen, sondern durch Menschen, die beispielhaft leben und das Leben Jesu in aller Schlichtheit und Konsequenz nachahmen, die Christus nachahmen in seiner Armut, in sei- nem Gehorsam und in seiner Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen.

Der Glaube wird verkndet in erster Linie durch verantwortungsbewusste und selbstlose Die- ner des Heiligtums, durch Menschen, die die Nachfolge Christi mit besonderer Leuchtkraft leben.       

Gott will uns durch Menschen sein Wort und seine Gnade vermitteln, durch Menschen, die sich ganz einsetzen fr ihre Aufgabe, die nicht die Mentalitt von Funktionren haben, son- dern den Geist Jesu Christi, der sein Leben hingegeben hat fr seine Herde. Gott will uns sein Wort und seine Gnade durch Menschen vermitteln, die hochgemut verzichten auf all das, was man heute schtzt und woran man sein Herz hngt, durch Menschen, deren Freizeit ihre Berufung ist, die leben in der Ganzhingabe an ihre hohe Aufgabe und an den, der ihnen diese hohe Aufgabe anvertraut hat. 

Wenn es daran mangelt, an solchen Dienern des Heiligtums, so sind wir alle nicht unschul- dig an dieser Misere. 

Nicht Worte knnen einen geistlichen Beruf hervorbringen, nur das gelebte Leben kann das. Der Funke kann nur berspringen und znden, wenn er da ist. 

Der ausschlieliche Dienst fr Gott und die unsterblichen Seelen setzt einen lebendigen Glauben voraus. Der mangelhafte oder der fehlende Glaube ist der Grund fr die Verwelt- lichung und fr die Verbrgerlichung vieler Priester und Ordensleute. 

Der verstorbene Heilige Vater Johannes Paul II. schreibt in seinem Brief an die Priester zum diesjhrigen Grndonnerstag, an Berufungen zum Priesterberuf werde es nicht mangeln, wenn die Qualitt des Lebens der Priester steige, wenn die Priester heiliger wren, frhli- cher und leidenschaftlicher in der Ausbung ihres Amtes, wenn die Priester mehr ergriffen wren von Christus. Deutlicher kann man es nicht sagen. Der Funke kann nicht bersprin- gen, wenn er nicht mehr da ist. 

Ganzhingabe und unverbrchliche Treue setzen einen lebendigen Glauben voraus. Der le- bendige Glaube ist es, der Berge versetzt, der Unglaube aber verwandelt blhende Land- schaften in Wsten.

Wenn es heute an Priester- und Ordensberufen fehlt - und die weiblichen Orden sind davon noch weit mehr betroffen als die mnnlichen Orden und die Priesterberufe -, wenn es heute an Priester- und Ordensberufen fehlt, dann ist das letztlich eine Frage des Glaubens und der treuen Hingabe an Gott, an Christus, an die Kirche und an das Evangelium. Damit sind wir aber alle angesprochen, zuerst die Priester und die Ordensleute, gewiss, dann aber auch je- der einzelne Glubige.

Ordensleute und Priester, aber auch Glubige, die glhen, die sich die erste Liebe bewahrt haben, die im Einerlei des Alltags oder in Schwierigkeiten und Misserfolgen nicht resigniert haben, werden immer wieder gute und unverdorbene junge Menschen beeindrucken. 

Und wenn unser Glaube mehr ist als nur eine leere Hlse, die wir noch mitschleppen, aus Nostalgie oder aus Trgheit, wenn unser apostolischer Einsatz mehr ist als wohlfeile Selbst- besttigung, wenn wir wirklich auf das Unsichtbare bauen, dann werden wir auch wieder den Raum schaffen und die Atmosphre herbeifhren, in der junge Menschen den Ruf Got- tes vernehmen und annehmen knnen.

Gott ruft auch heute, und die jungen Menschen sind auch heute bereit zu hren, nur muss ihnen die Realitt Gottes und seiner Kirche glaubwrdig vermittelt werden. Und da sind wir alle aufgerufen. Gott ruft auch heute, und die jungen Menschen sind auch heute bereit zu hren, nur sie mssen rechtzeitig lernen, dem zu begegnen, der sie senden will. 

* 

Gott, der Vater, oder Christus, der gute Hirt, will uns nicht unmittelbar, sondern mittelbar fh- ren. Er knpft das Heil an menschliche Unterhirten, normalerweise, in der Regel. Wir alle sind verantwortlich dafr, dass wir stets gengend Hirten haben, dass der Ruf Gottes gehrt wird und dass er berzeugend gelebt wird, dass nicht Mietlinge sich der Herde bemch- tigen, sondern selbstlose Diener sie leiten und fhren, solche, die nach dem Beispiel Christi sich fr Gott und fr die Menschen verzehren. Gott wartet auf unser Zeugnis und auf unser Gebet. Amen.

 

PREDIGT ZUM 3. OSTERSONNTAG (2. SONNTAG NACH OSTERN), 
GEHALTEN AM 10. APRIL 2005 IN FREIBURG, ST. MARTIN 

LEBT IN DER ZEIT EURER IRDISCHEN PILGERSCHAFT 
IN DER FURCHT DES HERRN

Ein unscheinbarer Satz der Lesung dieser heiligen Messe fasst das christliche Leben unter einem bedeutenden Gesichtspunkt zusammen. Er lautet: Lebt in der Zeit eurer irdischen Pilgerschaft in der Furcht des Herrn. Diese Mahnung steht im 1. Petrusbrief, der stark vom Ostergeheimnis geprgt ist (1 Petr 1, 18). 

Das Bemhen um die Furcht des Herrn, es ist schon ein Grundthema des Alten Testamen- tes. Im Licht der Auferstehung Jesu erhlt es eine vertiefte Bedeutung. Das Alte Testament bereitet uns vor auf das Neue, aber es behlt seine Geltung bis zum Jngsten Tag. Das dr- fen wir nicht vergessen. Die Gottesfurcht ist fr das Alte Testament der Inbegriff der Weis- heit, das entscheidende Fundament fr das rechte Leben, die Voraussetzung fr den Gehor- sam des Glaubens und die Erfllung des Willens Gottes (vgl. Deut 14, 31). Darum heit es im Alten Testament im Buch der Psalmen: Der Herr hat Wohlgefallen an denen, die ihn frch- ten (Ps 146, 11) und: Gesegnet wird der Mann, welcher den Herrn frchtet (Ps 12, 4). hn- liche Aussagen begegnen uns immer wieder in den Bchern des Alten Testamentes. 

Frchten sollt ihr Gott, und ihm allein sollt ihr dienen heit es im Buch Deuteronomium (Deut 6, 13; 10, 20). Das ist ein zentraler Imperativ des Alten Testamentes, ja, vielleicht gar der entscheidende. Nichts anderes besagt der Satz der Lesung dieser heiligen Messe: Lebt in der Zeit eurer irdischen Pilgerschaft in der Furcht des Herrn(1 Petr 1, 18).

Angesichts dieser Mahnung wollen wir heute zwei Fragen stellen. Die erste Frage: Was ist damit gemeint, mit der Furcht des Herrn?, und die zweite Frage: Wie wirkt sich das aus in unserem Leben, wenn wir Gott nicht mehr frchten?

*

Zunchst die Frage: Was ist gemeint mit der Furcht des Herrn? Wir frchten Gott, wenn wir uns unter seinen Willen beugen und wenn sein heiliger Wille der entscheidende Mastab unseres Lebens ist, oder wenn wir uns bemhen, seinen heiligen Willen zum entschei- denden Mastab unseres Lebens zu machen. Dabei mssen wir bedenken: Gott berragt uns an Gre, in ganz unvorstellbarer Weise, er ist von unendlicher Majestt. Das bringen wir zum Ausdruck, wenn wir ihn den heiligen Gott nennen: Du allein bist der Heilige, beten wir im Gloria der heiligen Messe. Um die berragende Heiligkeit Gottes zum Ausdruck zu bringen, sprechen wir auch wohl von dem allheiligen Gott. Vor dem heiligen Gott mssen wir unser Leben verantworten, immerfort, jeden Tag, und einmal endgltig. 

Wir frchten Gott, wenn wir ihm dienen in unserem Leben und seine Gebote erfllen. Aber das ist eigentlich sekundr, primr ist die Anbetung oder allgemeiner: die Gottesverehrung. Darin erkennen wir an, dass der ungeschaffene Gott uns erschaffen und dass er uns erlst und uns zur ewigen Gemeinschaft mit sich berufen hat. Die Gottesverehrung und die Erfl- lung seines heiligen Willens, das ist gemeint, wenn wir sagen: Wir mssen Gott dienen in unserem Leben. Dabei mssen wir wissen - die Heilige Schrift erinnert uns mehr als einmal daran -, dass der, der Gott dient, in Wirklichkeit herrscht, dass er Anteil erhlt an der Herr- schermacht des ewigen Gottes, dass er gleichsam den Gipfel der Freiheit erklimmt, weil er sich selbst bezwingt und die Welt.

Nun werden wir vielleicht sagen: Steht denn die Furcht nicht gegen die Liebe? Hat Jesus uns denn nicht gelehrt, Gott zu lieben? Ist das nicht etwas anderes als ihn zu frchten? Und heit es nicht ausdrcklich im 1. Johannesbrief: Die Liebe vertreibt die Furcht (1 Joh 4,18)? In der Tat, auch die Liebe muss unser Gottesverhltnis bestimmen. Gottesfurcht und Gottes- liebe sind indessen keine Gegenstze, wie man bei oberflchlicher Betrachtung meinen knnte. Die Gottesfurcht und die Gottesliebe mssen unser Leben bestimmen. Das wussten schon die Israeliten im Alten Testament. 

Zur Gottesfurcht gehrt die Gottesliebe dazu, das eine kann nicht und darf nicht ohne das andere sein. So lehrten es schon Heiligen und die Propheten des Alten Bundes in immer neuen Variationen: Frchten wir Gott und lieben wir ihn, heit es im Buch Exodus und hnlich im Buch Deuteronomium (Ex 20, 6; Deut 6, 5).       

In Furcht und in Liebe muss der Mensch seinem Gott begegnen. Das gilt auch fr das Neue Testament. In Furcht und in Liebe muss der Mensch seinem Gott begegnen. Davon wissen nicht wenige Religionen der Menschheit. Zu allen Zeiten haben das die Menschen irgendwie geahnt. Und wie es des fteren ist, was die Menschen zu allen Zeiten geahnt haben, das lehrt uns definitiv die Religion der Bibel, die Religion des Alten und des Neuen Testamentes. 

Gott frchten und ihn lieben, das sind keine Gegenstze. Vielmehr ist es so, dass die Furcht so etwas ist wie das Lebenselixier der Liebe, die Furcht oder auch die Ehrfurcht, eine spezi- fische Form der Furcht. Gewiss wird die Furcht immer wieder von der Liebe berwunden, aber immer wieder muss sie sich aufs Neue einstellen, um wiederum aufs Neue berwun- den zu werden.

So aber wird die Liebe in unserem Verhltnis zu Gott zu einem dramatischen Geschehen: Die Furcht bewirkt, dass die Liebe ihre Kraft bewahrt, dass sie nicht zu einem leeren Be- kenntnis wird und dass sie nicht abgleitet in plumpe Kameraderie, und die Liebe bewirkt, dass die Furcht uns nicht kleinmtig macht und unsere hochgemuten Krfte lhmt. 

Gott ist unser Vater, der uns liebt, aber dieser unser Vater ist grer als wir, unendlich ist er, und er verlangt Rechenschaft ber unser Leben. Die Gottesfurcht wird genhrt von der Sor- ge, dass wir der Liebe Gottes auch gerecht werden, richtet sie doch den Blick auf die Gre Gottes und auf seine Majestt, immer wieder aufs Neue. berwunden wird sie aber durch eine Liebe, die der Liebe Gottes vertraut und sie dankbar empfngt. Die Wiederkehr der Furcht und ihre immer neue berwindung durch die Liebe, das ist ein fortwhrender Pro- zess. Die Liebe berwindet die Furcht, und aus der Liebe geht immer wieder die Furcht her- vor, indem wir erschrecken angesichts der Gre Gottes und angesichts unserer eigenen Unvollkommenheit und Armseligkeit. Es ist so, ja, es muss so sein, dass die Gottesfurcht und die Gottesliebe einander ergnzen.

Eigentlich gehrt in unserem menschlichen Dasein das Moment der Furcht zu jeder wahren Liebe, auch zu der mitmenschlichen Liebe, wenngleich hier in einem geringeren Ma und auch ein wenig anders akzentuiert.

Und nun die zweite Frage: Wie wirkt sich das aus in unserem Leben, wenn wir Gott nicht mehr frchten? Es ist ein Faktum, dass die Gottesfurcht heute sehr klein geschrieben wird. Viele leugnen die Existenz Gottes, viele andere tun das zwar noch nicht, aber sie nehmen Gott nicht ernst. Sie behaupten vielleicht, dass sie ihn lieben und meinen es gar, aber diese Liebe ist fragwrdig, sie knnen ihn nicht eigentlich lieben, weil sie ihn nicht frchten. 

Nun ist es seltsamer Weise so: Je weniger wir geneigt sind, Gott zu frchten, um so mehr breiten Furcht und Angst sich aus in unserem Leben und in unserer Welt, um so mehr wer- den Furcht und Angst zur Grundbefindlichkeit unseres Lebens und unserer Welt. Wir ber- spielen das gern. Aber es lsst sich nicht leugnen: Angst und Furcht spielen heute eine gro- e Rolle im Leben der Menschen. Der moderne Mensch frchtet sich vor seiner Gegenwart und vor seiner Zukunft. Er frchtet aber auch um seine Gegenwart und seine Zukunft. Dar- ber hinaus frchtet er sich vor sich selbst und vor seinen Mitmenschen. Wir frchten uns vor der Einsamkeit, vor der Krankheit, vor dem Alter, vor dem Tod, vor Katastrophen, vor den Massenmedien und vor der ffentlichen Meinung. Wir frchten uns vor allem Mglichen und vor allem Unmglichen, nur nicht vor Gott. Das ist seltsam und doch wiederum konsequent. Unsere ngste sind deshalb so vielgestaltig und so dominant, weil wir Gott nicht mehr frch- ten.

So muss es kommen, die Angst wird zur Grundbefindlichkeit des Menschen, wo der Mensch Gott nicht mehr frchtet. Notwendigerweise wird die Gottesfurcht abgelst von der Welt- furcht und von der Menschenfurcht. Das leuchtet dem denkenden Menschen ein. Und die Erfahrung besttigt es ihm.

So lehrt es uns auch die Offenbarung. Wiederholt heit es im Alten Testament: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit. Sie ist deshalb der Anfang der Weisheit, die Furcht des Herrn, weil sie das Ende aller Weltfurcht ist, das Ende der Weltfurcht und aller Men- schenfurcht (Ps 110, 10; Spr 1, 7).

Wo der Mensch Gott nicht mehr frchtet, da verlsst ihn aber auch seine Moral, da wird er wie ein Raubtier. Wenn Gott entthront wird, dann ist alles erlaubt, dann gilt nur noch ein Gesetz, nmlich das Gesetz der Gesetzlosigkeit. So wird es in der Tat propagiert in jener Weltanschauung, die heute dominiert, ohne das die meisten Menschen das erkennen, in der geheimen Verschwrung des Wassermannes, die uns das sogenannte New Age beschert.

Die Gottesfurcht ist nicht nur der Anfang, ja, eigentlich der Inbegriff der Weisheit, sie ist auch die Mutter aller Ordnung, wie andererseits das Schwinden der Gottesfurcht schon bald die Anarchie zur Folge hat. Darum wird alle irdische Furcht gegenstandslos, wo Gott ge- frchtet wird.

Die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, heit es im Buch Hiob (Hiob 28, 28) und im Buch der Psalmen: Die Furcht des Herrn ist heilig und whrt in Ewig-keit (Ps 18, 10). Und der Pro- phet Jesaia versteht die Gottesfurcht als eine der sieben Gaben des Heiligen Geistes (Jes 11, 2).

Die Gottesfurcht schenkt uns die wahre Freiheit und das wahre Glck. Sie verklrt unser irdisches Leben - und nicht nur das, sie vollendet es in der Glckseligkeit des Himmels. 

*

Gott frchten, das heit: Sich beugen vor Gott, seine Gre und seine Majestt anerkennen, ihn anbeten und verehren und seinen heiligen Willen erfllen  an erster Stelle und um jeden Preis. Wo die Gottesfurcht dahinsiecht, da siecht auch die Gottesliebe dahin, ja, da tritt Gott mehr und mehr ab von der Bhne des Welttheaters, da treten die Gtzen an seine Stelle, da bernehmen sie die Herrschaft. Diese haben viele Gesichter, aber immer reden sie von der Freiheit, derweilen sie die Menschen in Wirklichkeit stets in die Sklaverei fh- ren. Zu allen Zeiten beschwren sie das Glck des Menschen, bringen ihm jedoch stets den berdruss und die Verzweiflung. Immerfort versprechen sie ihm das Paradies, bescheren ihm aber in allen Fllen eine Welt der Schrecken. Wer wollte das verkennen angesichts der gegenwrtigen Weltstunde? Der Schrecken eskaliert, weil die Gottesfurcht rar geworden ist, in der Welt - und in der Kirche. Und viele haben ihre Freiheit verloren, ihre innere Freiheit, und jagen vergeblich ihrem Glck nach, in innerer Verzweiflung. Wenn wir Gott nicht mehr frchten, dann wird die Furcht um sich greifen, notwendigerweise, und zwar deshalb, weil dann alle Sicherheit dahinschwindet, das Chaos und die Anarchie die Herrschaft an sich rei- en und der Mensch zu einer tdlichen Bedrohung wird fr den Menschen, jeder Einzelne fr jeden Einzelnen. Ich denke, wir knnen uns selbst, unseren Mitmenschen und der Welt keinen greren Dienst erweisen, als wenn wir die Mahnung der Lesung beherzigen: Lebt in der Zeit eurer irdischen Pilgerschaft in der Furcht des Herrn! Amen. 

 

PREDIGT ZUM WEISSENSONNTAG, GEHALTEN AM 3. APRIL 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN 

MEIN HERR UND MEIN GOTT  

Im heutigen Evangelium bekennt sich der Apostel Thomas zur Auferstehung Christi, gleich- zeitig bekennt er sich zur Gottheit des Auferstandenen, wenn er ihn anbetet mit den Worten mein Herr und mein Gott. Der Auferstandene lobt ihn nicht dafr, im Gegenteil, er tadelt ihn, weil dieses sein Bekenntnis erst jetzt, weil es nicht frher ergeht, weil er zunchst ge- zweifelt und denen nicht geglaubt hat, die ihn als den Auferstandenen gesehen haben. Und mit dem Blick auf die vielen nach ihm, die nie einer solchen Erscheinung gewrdigt wer- den, wie er ihrer gewrdigt worden ist, erklrt der Auferstandene mit feierlichen Worten: Selig, die nicht sehen und doch glauben. 

Diese Begebenheit wird uns im letzten Kapitel des Johannes-Evangeliums geschildert, wenn man einmal absieht von einem Nachtrag, der einige Jahre nach dem Abschluss des Evan- geliums noch hinzugefgt worden ist. Das Thomas-Bekenntnis des letzten Kapitels des Jo- hannes-Evangeliums schlgt den Bogen zum 1. Kapitel dieses Evangeliums, das in dem Satz gipfelt: Und das Wort ist Fleisch geworden. Da ist dann die Rede von der Fleischwerdung des gttlichen Wortes und von der Verdienstlichkeit des Glaubens an dieses Mysterium. Das Wort, der menschgewordene Sohn Gottes, wird hier, im heutigen Evangelium, im Kontext des sterlichen Glaubens erkannt und glubig bekannt: Mein Herr und mein Gott! 

Das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes und der Glaube an seine Auferstehung, das sind die entscheidenden Wahrheiten oder besser Wirklichkeiten des Christentums. Darauf baut der christliche Glaube auf, wenn er denn noch authentisch ist. In dem Bekenntnis des Thomas wird somit das Bekenntnis des Prologs des Johannes-Evangeliums und der darin enthaltene Imperativ aufgegriffen und erweitert um eine neue Nuance, um das, was man in den sterlichen Tagen erfahren hatte in der werdenden Kirche. 

Wenn Thomas bekennt mein Herr und mein Gott, so geht es um die Bejahung dieser dop- pelten Wirklichkeit, um die Bejahung des Fundamentes des Christentums. Dafr wird er schlielich selig gepriesen, auch er, und mit ihm werden es alle, die dieses Bekenntnis mit ihm vollziehen, glubig und tatkrftig und opferbereit. 

Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und das Geheimnis der Erlsung im Zeichen des Kreuzes und der Auferstehung, das sind die entscheidenden Wirklichkeiten, die uns der christliche Glaube lehrt und die die christliche Existenz begrnden. Wer sie annimmt und fruchtbar macht in seinem Leben, der findet das ewige Leben bei Gott, der wird einst dem auferstandenen Christus gleichgestaltet. Dem, der so glaubt und lebt, ihm gilt die Seligprei- sung des Auferstandenen.

Christus ist der Sohn Gottes, und er lebt nach seiner Auferstehung als der Menschgeworde- ne, als der verklrte Gottmensch in Ewigkeit. Darin gipfelt die Verkndigung der Kirche, darin muss die Verkndigung der Kirche immer gipfeln, weil diese Wirklichkeit das Funda- ment der Kirche ist. 

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Diese zwei Wahrheiten gehren innerlich zusammen: Das Wort ist Fleisch geworden, und der menschgewordene Gott ist nach seinem gewaltsamen Tod am Kreuz, durch den er uns erlst hat, in die Herrlichkeit des Vaters eingegangen. Weil der Prophet von Nazareth nicht einfach nur ein Mensch war, wie wir alle Menschen sind, darum starb er zwar, aber er blieb nicht im Tode. Darum ist sein Tod auch mehr als ein tragisches Ereignis, mehr als ein unent- rinnbares Schicksal und mehr als nur ein Missverstndnis. Das aber mssen wir nicht blind glauben, ja, das drfen wir nicht einmal blind glauben. Nicht das ist gemeint mit dem Tadel selig die nicht sehen und doch glauben. Ein blinder Glaube ist immer eine Torheit, und er ist auch des Menschen unwrdig. Gott will nicht, dass wir die Gottheit Christi und seine Auf- erstehung blindlings glauben. Immer muss der Glaube seine Grnde haben. Gott hat uns als denkende Wesen geschaffen. Der Glaube muss seine Grnde haben, nur darf er nicht alles verstehen wollen und sein Verstehen zum Mastab des Glaubens machen. 

Nicht selten begegnet uns die kategorische Erklrung von Menschen: Ich glaube nur das, was ich sehen kann. So rechtfertigt sich immer wieder der Unglaube. Aber das ist eigentlich unberlegt und tricht, denn das, was ich sehe, brauche ich nicht mehr zu glauben. Sehen und glauben, das sind verschiedene Dinge, die sich - genau genommen - gegenseitig aus- schlieen. Was ich gesehen habe oder was ich sehe, brauche ich nicht mehr zu glauben. Der Glaube ist das berzeugtsein von dem, was man mit den Augen nicht sehen kann. So sagt der Hebrerbrief (Hebr 11,1). Glauben und Sehen, das sind verschiedene Ebenen der Wahrnehmung, die sich, genau genommen, gegenseitig ausschlieen. Was ich gesehen ha- be oder was ich sehe, brauche ich nicht mehr zu glauben. Wohl aber ist es so, dass der Glaube seine Grnde braucht, denn ich muss ja immer wissen, weshalb ich Dieses glaube und nicht Jenes. 

Tatschlich glauben nicht Wenige heute ohne Vernunft. Man muss sich - gerade heute - im- mer wieder wundern, was die Menschen alles glauben, angefangen bei den Zeugen Jeho- vas bis hin zu den Marxisten, was die Menschen alles glauben ohne die Vernunft, gegen die Vernunft, irrational.

Wenn wir unseren Verstand ausschalten, genau das geschieht heute nicht selten, dann kom- men die einen zum Unglauben, die anderen zum Aberglauben, das heit: Die einen glau- ben dann nichts mehr, und die anderen glauben dann alles oder einfach das, was ihnen gefllt, rein willkrlich, oder sie glauben dann heute Dieses und morgen Jenes.

Glauben kann und darf ich nur das, was ich als glaubwrdig erkenne. Dazu gengt aber nicht nur das Gefhl, sondern da mssen Grnde vorgebracht werden, Grnde des Herzens und des Verstandes. Solche Grnde, darum mssen wir uns bemhen, wir mssen sie ken- nen lernen. Im 1. Petrusbrief begegnet uns die Aufforderung: Seid allezeit bereit, Re- chen- schaft ber euren Glauben abzulegen (1 Petr 3,15). Das heit: Glaubt immer mit dem Verstand. 

Wir mssen uns selber Rechenschaft geben ber unseren Glauben, aber auch den Mitmen- schen, vor allem denen, die sich klger vorkommen, weil sie nichts mehr glauben oder weil sie alles oder zu viel oder weil sie leichtfertig glauben. 

Der Vlkerapostel Paulus sagt am Ende seines Lebens: Ich wei, wem ich geglaubt habe (2 Tim 1,12). Damit will er sagen: Mein Verstand und meine Vernunft sagen mir, dass ich mich nicht getuscht habe und dass ich nicht getuscht worden bin.

So muss es auch bei uns sein. Als glubige Christen bauen wir nicht auf Gefhle, sondern auf die Vernunft, tun wir das nicht, so gehen wir in die Irre, so tuschen wir uns, und so wer- den wir getuscht. 

Der Osterglaube, der die Quintessenz des christlichen Glaubens berhaupt ist, zusammen mit dem Glauben an die Menschwerdung des ewigen Gottes in dem Gekreuzigten von Gol- gotha, er bringt uns den Frieden. Das betont das Evangelium ausdrcklich, nicht nur das Evangelium des heutigen Sonntags. Immer wieder begrt der Auferstandene die Jnger mit den Worten der Friede sei mit euch. Demnach ist es der Friede, der den Osterglauben begleitet. Er ist die erste Frucht des Osterglaubens. In diesem Frieden wirft die ewige Erl- sung gewissermaen ihre Schatten voraus. Mit ihm ist nicht ein Kirchhofsfriede gemeint, der totalitr ist, der sich als ein Friede des absoluten Meinungsterrors darstellt - etwas davon erleben wir heute, in der ffentlichkeit, zuweilen gar auch in der Kirche, Gott sei es geklagt. Mit dem Frieden, den der Glaube an den Auferstandenen uns schenkt, ist aber auch nicht der pazifistische Friede gemeint, der kraftlos ist, der darin grndet, dass ihm alle Grundst- ze fehlen und der nicht selten den Kirchhofsfrieden vorbereitet. Der Friede des Auferstan- denen ist von ganz anderer Art. Er wurzelt in der Hoffnung auf die ewige Gemeinschaft mit Gott. Er ist der Friede, den wir alle ersehnen, im tiefsten, der auch mit den Begriffen Glck und Seligkeit ausgetauscht werden kann, wenn wir dabei von der Vergnglichkeit abstra- hieren. Er geht hervor aus dem lebendigen Glauben an den auferstandenen Christus und aus den Werken, die wir tun in der Kraft dieses Glaubens, aus den Werken, die wir tun aus Liebe zu Gott und im Geist der Dankbarkeit.  

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Der Apostel Thomas bekennt sich zur Auferstehung Christi und zur Gottheit des Auferstan- denen, nachdem er dem Auferstandenen begegnet ist. Es ist nicht so, als ob bei ihm damit das Schauen an die Stelle des Glaubens getreten sei. Denn den Auferstandenen knnen menschliche Augen nicht sehen. Er gehrt einer anderen Welt an. Deswegen musste auch Thomas glauben bis zum Ende seines Lebens, er musste glauben an den menschgeworde- nen Gottessohn, der in seiner Auferstehung mit seiner Gottheit und mit seiner Menschheit in die Herrlichkeit seines Vaters eingegangen war. Aber das Sehen, das ihm zuteil geworden war, die wunderbare Begegnung mit dem Auferstandenen, erleichterte ihm den Glauben. Sei-ne Zweifel knnen uns indessen eine Hilfe sein. Denn auch wir sind gemeint, wenn der Auferstandene die selig preist, die nicht sehen und doch glauben. Das heit jedoch nicht, dass wir blind glauben sollen. Der Osterglaube bringt uns den Frieden, aber nur dann, wenn wir wissen, warum wir glauben, nur dann bringt er uns den Frieden, wenn er ein vernnf- tiges Fundament hat und - wenn er fruchtbar wird in unserem Leben. Amen. 

 

PREDIGT ZUM OSTERMONTAG, GEHALTEN AM 28. MRZ 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

WIR ABER HATTEN GEHOFFT

Das Evangelium des heutigen Tages lsst uns einen Blick tun in die Abgrnde des mensch- lichen Herzens einerseits und in die Abgrnde der Weisheit Gottes andererseits. Es erinnert uns an unsere Verblendung und an die Sorge Gottes fr uns. Es lehrt uns, dass Gottes Sorge uns aus unserer Verblendung herausfhrt, wenn wir ihm und seiner Sorge nicht ganz und gar widerstehen.

In den beiden Mnnern, die sich auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus befinden, dr- fen wir uns alle irgendwie wiedererkennen, und wir drfen davon ausgehen, dass der Aufer- standene, wie er sie auf ihrem Weg begleitet und belehrt, so auch uns und die Menschen unserer Tage immer wieder begleitet und belehrt. 

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Die zwei Mnner, die nach Emmaus gehen, haben eigentlich kein Ziel. Emmaus ist von da- her im Grunde nur ein Ausdruck ihrer Enttuschung. So ist es auch bei uns, wenn wir nicht mehr mit der Welt zurechtkommen und mit unserem Leben, wenn eine bittere Enttuschung von uns Besitz ergreift: Wir gehen dann irgendwohin, wohin, das ist dann gleichgltig. Es geht dann einfach darum, dass wir einer vertrauten Umgebung entfliehen, weil sie uns fremd geworden ist. 

Die Emmaus-Jnger meinen, Gott habe sie enttuscht oder auch das Schicksal, in Wirklich- keit ist jedoch ihre Verblendung schuld an ihrer Enttuschung, ihre Schwerflligkeit, ihr t- richter Stolz, in dem sie allzu sehr auf ihre eigenen Erfahrungen und berlegungen gesetzt haben. Ihr Stolz hat sie daran gehindert, einfach zu hren, er hat sie taub gemacht, und zu- gleich hat er sie geblendet. Wir kennen das. Auch uns begleitet allzu oft dieser Stolz, und immer wieder bereitet er uns groes Leid.

Wir lernen nur sehr langsam aus der Erfahrung und noch langsamer lernen wir aus der Ver- nunft, weil die Augen unseres Geistes gehalten sind, solange wir selber unseren Weg be- stimmen wollen, solange wir Gott nicht die Fhrung berlassen, solange wir meinen, wir knnten die Melodie unseres Lebens selber finden, und nicht erkennen, dass die entschei- denden Dinge unseres Lebens uns geschenkt werden mssen. Allzu oft ist es so, dass wir nicht hren wollen, sondern reden.

So war es auch bei den Emmaus-Jngern. Weil sie taub und blind waren und weil sie allzu sehr in die Weisheit dieser Welt verliebt waren, wollten sie die Torheit des Kreuzes nicht wahr haben. Der Stolz hatte sie in die Verblendung und in die Enttuschung gefhrt. Nicht anders ist es auch immer wieder bei uns. Immer wieder fhrt uns die Enttuschung zu der ernchternden Feststellung wir aber hatten gehofft. 

Die Emmaus-Jnger lassen sich aber schlielich doch fhren, sie verstummen und hren unter dem Eindruck der Argumentation des Fremden, der Gott selber war, und kommen schlielich doch zur Einsicht. Anders ist das bei vielen unserer Zeitgenossen und vielleicht zuweilen auch bei uns. Es sind nicht wenige, die lieber enttuscht sein und Recht behalten wollen, als dass sie sich demtigen und ihr Unrecht zugeben. Sie bleiben stur und ver- schlieen sich gegenber allen Argumenten. Fr sie gilt: Was nicht wahr sein darf, das ist auch nicht wahr.

So ist es heute bei vielen mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu. Viele wissen mit der Osterbotschaft nicht mehr viel anzufangen, Menschen neben uns, vielleicht gar in der eige- nen Familie, die den Namen Christen noch tragen, es jedoch eigentlich nicht mehr sind. Sie sind stolz und unbelehrbar. Im Blick auf ihre Kinderjahre knnen sie vielleicht mit den Emmaus-Jngern sagen: Wir aber hatten gehofft. Heute aber wissen sie: Es war alles nichts. Wir haben uns getuscht. Sie bleiben bei ihrer vorgefassten Meinung: Tot ist tot, ein Toter kann nicht zum Leben zurckkehren. Und zudem: Wenn Jesus auferstanden wre, dann htte das Konsequenzen fr ihr Leben. Diese aber wollen sie nicht.

Wir alle tun uns schwer, durch das Vordergrndige hindurchzustoen und es nicht als das Letzte anzushen. Wir wehren uns dagegen, vor allem dann, wenn wir dadurch unsere ber- zeugungen in Frage stellen oder wenn dadurch unsere berzeugungen in Frage gestellt werden. 

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Allein, Gott sorgt fr uns, und er geht uns nach, auch wenn wir ihm davonlaufen oder wenn wir meinen, wir knnten ihm davonlaufen. In seiner Weisheit und Liebe lsst er uns nicht al- lein mit unserem Stolz, mit unserer Schwerflligkeit. Wie der auferstandene Christus mit den Emmaus-Jngern des Weges ging, so geht er auch mit uns, immer wieder einmal. Er geht mit uns, und er spricht zu uns, immer wieder, durch Ereignisse und durch Menschen. Ist der Gott der Offenbarung uns auch noch so gleichgltig, er ist an interessiert an uns, immer- fort. Und er hat viel Geduld mit uns. Immer wieder gibt er uns die Mglichkeit, seine Sorge anzuerkennen und seine Weisheit anzubeten. Einmal ist seine Geduld jedoch zu Ende. Das gilt dann, wenn wir in unserer Verblendung verharren, wenn wir dabei bleiben, dass wir al- lein zurechtkommen. Dann erhlt endlich das Jesus-Wort verhngnisvolle Aktualitt: Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren (Mk 8, 35).

Daher tun wir gut daran, dass wir aufmerksam leben und uns nicht den Plnen der Weisheit Gottes widersetzen, dass wir in dem Zueinander der Ereignisse, in der Geschichte unseres persnlichen Lebens und in der Geschichte der Welt Gottes Wirken wahrnehmen und er- kennen und uns ihm unterwerfen.

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Wir neigen dazu, im Vordergrndigen zu verbleiben. Gottes Sorge verfolgt uns indessen, auch wenn wir uns abwenden von ihm und unser eigenes Leben suchen und meinen, wir seien autonom, wir brauchten keinen Gott und keine Ewigkeit oder das Vordergrndige sei das Letzte. Auf mancherlei Weise spricht Gott zu uns. Seine Stimme ist indessen unhrbar fr uns, wenn wir stolz sind und wenn wir uns durch die Snde blenden lassen. Seine Geduld whrt zwar lange, aber einmal ist sie zu Ende, seine Geduld mit dem Einzelnen, aber auch seine Geduld mit der Welt. Davor sollten wir nicht die Augen verschlieen. Das Eine wie das Andere bezeugt uns die Heilige Schrift mit groer Eindringlichkeit. Amen.

 

OSTERN 2005 

SEHET DAS KREUZ DES HERRN, WEICHET IHR FEINDLICHEN MCHTE, GESIEGT HAT DER LWE VON JUDA

 

In alter Zeit nannte man Ostern das Fest aller Feste, man sprach von den Festa Festorum, seit den Tagen der Urkirche ist Ostern das hchste Fest des Jahres. Mit der Verkndigung der Botschaft dieses Festes begann die urchristliche Verkndigung. Wir stehen hier an der Wiege des Christentums. Am Osterfest verkndete man die Wahrheit aller Wahrheiten, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten: die Auferstehung des Gekreuzigten und damit den Sieg des Lebens ber den Tod, man verkndete die Wahrheit, dass Gott strker ist als der Tod und die Vergnglichkeit und dass er strker ist auch als alle Bosheit der Menschen. Nicht genug damit, dass man dieses Geheimnis an einem Tag im Jahr festlich beging, kam man schon frh allwchentlich zusammen, am ersten Tag einer jeden Woche, um immer wieder gewissermaen ein kleines Osterfest zu feiern, um in der Feier der Eucharistie dem aufer- standenen Herrn zu begegnen, dem Gekreuzigten, der in seiner Auferstehung den Tod ber- wunden hatte. Von daher rhrt auch das, was in allen Jahrhunderten selbstverstndlich war, was heute nicht mehr selbstverstndlich ist, aber es wieder werden muss, dass sich am Sonntag die ganze Gemeinde im Gotteshaus versammelte, zur Feier der sterlichen Ge- heimnisse. Wer an das Neue des Christentums glaubte, an die Erlsung im Zeichen des Kreuzes und in der Auferstehung des Gekreuzigten, wie konnte er fehlen bei dieser gnaden- vollen Begegnung mit dem Auferststandenen? 

Im Ostergeheimnis geht es um den Tod und die Vergnglichkeit, um eine Frage, die uns mehr bedrngt als alle anderen Fragen, wenn wir uns nicht das Nachdenken abgewhnt haben. Die Auferstehung Jesu gibt uns die Antwort auf diese Frage, wenn wir den Oster- zeichen und den Osterzeugen Glauben schenken und wenn wir der Kirche Christi mehr Ver- trauen entgegenbringen als den selbsternannten Propheten unserer Zeit, die alles wissen oder besser: zu wissen meinen, sogar auch das noch, was sie nicht wissen.

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Im 4. Jahrhundert schreibt der Kirchenvater Cyrill von Jerusalem im Blick auf die Osterbot- schaft: Alle Knige verlieren bei ihrem Tode mit dem Leben zugleich ihre Macht, einzig Christus wird seit seinem Tode am Kreuz von aller Welt angebetet (Katechesen, 10,19). Man ist geneigt zu sagen: Schn wre es, wenn es so wre, aber tatschlich ist es so gewesen, dass sich die Macht Christi ausgeweitet hat in seinem Tod, tatschlich waren es in der Ge- schichte, die mit jenem Ostermorgen begann, Millionen, die ihn angebetet und darin Trost gefunden haben im Leben und im Sterben. Ausdruck dieser Tatsache ist die Inschrift auf der Ostseite des groen Obelisken auf dem Petersplatz in Rom. Sie stammt aus ltester Zeit und lautet: Sehet das Kreuz des Herrn, weichet ihr feindlichen Mchte, gesiegt hat der Lwe von Juda. Der Lwe von Juda, das ist der Sieger von Golgotha, der sich strker erwiesen hat als der Tod, der im Tod den Tod besiegt hat. Daher verstand man von jenem denk- wrdigen Ostermorgen an das Kreuz als Zeichen des Sieges, verstand man es seither nicht mehr als grausames Marterwerkzeug in der christlichen Verkndigung. So mssen wir es auch heute verstehen. 

Der Sieg Christi ber den Tod ist der Kern der christlichen Verkndigung von Anfang an. Da- von sprachen die ersten Glaubensboten in der Urkirche zuerst, und alles andere, was sie zu verknden hatten, war im Grunde nur eine Ausgestaltung dieser Grundgegebenheit. Dabei betonten sie, dass die Auferstehung Christi die Auferstehung aller zur Folge habe - er war ja der Erstling der Entschlafenen -, dass die Auferstehung Christi die Auferstehung aller zur Fol- ge habe, wenn sie sich einreihen wrden in seine Jngergemeinde, wenn sie ihm nachfol- gen, wenn sie fr ihn und seine Kirche einstehen und seinen heiligen Willen erfllen wr- den. 

Sie waren keine Phantasten, die ersten Christen, sie taten nicht den zweiten Schritt vor dem ersten. Sie wussten, dass mit dem sterlichen Geschehen nur die Schatten der Zukunft, die Schatten einer glcklicheren Zukunft in die Gegenwart hineinfielen. Sie wussten: Die Vor- aussetzung fr die Auferstehung mit Christus ist das Mitleiden mit ihm, und sie wussten: Noch ist nicht die Vollendung, noch sind wir auf dem Wege, die Passion geht weiter, die Karwoche, noch bestimmen das Leiden, die Versuchung und die Snde unser Leben. Darum dispensiert uns auch das Ostergeheimnis nicht von dem ernsten Streben nach dem Guten, von der Askese und von dem Bemhen um die Freiheit des Geistes. Die Voraussetzung fr den Osterglauben und die sich daraus ergebende Osterfreude ist die, dass wir mit Christus das Kreuz tragen und in der Gemeinschaft mit ihm den Tod auf uns nehmen.

Wenn der Auferstandene den Jngern gesagt hatte: Musste nicht Christus all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit einzugehen, so galt das fr alle, die glubig auf ihn schauten, so gilt das auch fr uns. Der Weg zur Auferstehung fhrt ber das Kreuz.

Paulus, der wie kein anderer berwltigt war von der Auferstehung Jesu - er hatte ihn gese- hen, den Auferstandenen, er war ihm begegnet vor Damaskus - erklrt: Allzeit tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leibe (2 Kor 4, 11).

Was hier neu ist, das ist der Optimismus aus dem Glauben an das Geschehen in jener ersten Osternacht und von daher das Wissen um den Weg der berwindung der Vergnglichkeit und des Todes. 

Damit aber hat angesichts der Auferstehung Jesu die Ewigkeit schon begonnen. Aus dem Glauben an die Auferstehung des Gekreuzigten geht die feste Hoffnung hervor, eine Hoff- nung, die die Gegenwart trgt, auch dann, wenn sie uns zuweilen den Boden unter den Fen wegzuziehen scheint. 

Als am Ende des 1. Jahrhunderts die christlichen Gemeinden in groer Bedrngnis waren, weil der rmische Kaiser Domitian sie grausam verfolgte, vernahm ein urchristlicher Pro- phet trstliche Worte aus dem Munde des Auferstandenen, aus dem Munde des Kyrios - so nannte man den Auferstandenen am Anfang der christlichen Verkndigung - , Worte, die aufgezeichnet sind im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Geheimen Offenbarung. Sie lauten: Frchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte, der Lebendige, ich war tot, und nun lebe ich in alle Ewigkeit. Ich habe die Schlssel des Todes und der Unterwelt (Apk 1, 18).

Viele ngste bedrngen uns heute, auch wenn wir sie uns nicht eingestehen, wie es oft ge- schieht. Das gilt besonders fr viele, die sich von der Kirche entfernt haben, die ein gottloses Leben fhren oder die sich den Zeitgttern verschrieben haben. Aber sie tuschen sich und andere, wenn sie sich ihre ngste nicht eingestehen. Die Angst und die Unsicherheit der Menschen sind gro heute, gerade weil sie in groer Zahl die zentrale Glaubenswirklichkeit der Kirche abgelegt haben und die Botschaft von der Auferstehung des Gekreuzigten ver- achten. Wer darum wei, um diese Botschaft und die in ihr verkndigte Wirklichkeit, wer wei um die Auferstehung des Gekreuzigten, wer auf der Seite dieses Menschen steht, der mehr war als ein Mensch, und wer ihm nachfolgt, dem  knnen die irdischen Sorgen im Grunde nichts mehr anhaben, dem knnen die innerweltlichen Potentaten keine Angst mehr einjagen, und die Unsicherheit der Zeit kann sie nicht mehr beunruhigen. Der Glaube an den Auferstandenen macht sie im tiefsten unverwundbar. Denn er, der auferstandene Chri- stus, trgt die Schlssel des Todes und der Unterwelt in seinen Hnden. Das heit: Er fhrt uns aus der Dunkelheit in das Licht, aus der Vergnglichkeit in die Unvergnglichkeit, aus der Mhsal dieser Zeit in die vollendete Freude der Ewigkeit, wenn wir uns fhren lassen durch ihn. 

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Einst hat die Anhngerschaft Jesu, die junge Kirche, mit der Botschaft von Ostern die Welt erobert, geistigerweise, sie hat einst eine Revolution der Herzen eingeleitet und einer in- tellektuell und ethisch verkommenen Welt neue Perspektiven geschenkt. Die Urgemeinde und die Kirche der ersten Jahrhunderte war sterlich geprgt, die Kirche der Mrtyrer lebte aus dem Glauben an den, der die Schlssel des Todes und der Unterwelt in seinen Hn- den hlt. So muss es immerfort sein. Auch die Kirche von heute, auch unser Leben muss sterlich geprgt sein.

Tatschlich verhlt es sich so: Wenn die Kirche in der Geschichte groe Zeiten durchschritt, so tat sie das in einem lebendigen Osterglauben, ja, so tat sie das aus ihrem lebendigen Osterglauben, aus dem Enthusiasmus ihres Anfangs, heraus. Umgekehrt, wenn sie un- frucht- bar war, die Kirche, so war sie das deshalb, weil das Feuer des Osterglaubens in ihr erlo- schen war. 

Dabei waren die Glubigen nicht naiv in ihrem Osterglauben, sie wussten, dass sie auf dem Wege waren, immerfort sind wir auf dem Weg, solange wir leben, und sie wussten, dass der Karfreitag weitergeht und dass wir auf Erden den Glanz der sterlichen Freude nicht anders als durch die Trnen des Leides hindurch sehen knnen. Aber der Glaube an den Sieg des Gekreuzigten ber den Tod prgte ihr Leben, und darum konnten sie berzeugen und mit- reien und viele fr die Kirche des Auferstandenen gewinnen.

Beten wir, dass die Osterbotschaft uns so erflle, dass sie uns stark macht, dass sie uns den Frieden schenke und uns zu Zeugen des Auferstandenen mache, zu Zeugen dessen, der die Schlssel des Todes und der Unterwelt in seinen Hnden hat, der nicht nur der Herr dieser unserer Welt ist, ob wir es wahr haben wollen oder nicht, der vielmehr zugleich das Tor ist zum unbekannten Land der Ewigkeit. Amen.

 

KARFREITAG 2005 

WIR RHMEN UNS IM KREUZ UNSERES HERRN JESUS CHRISTUS

Das Christentum ist die Religion des Kreuzes. Darum muss das Kreuz im Mittelpunkt der christlichen Verkndigung stehen, darum muss das Kreuz stets das eigentliche Thema der Verkndigung der Kirche sein. Das ist heute vielfach nicht mehr der Fall. Vielfach gibt man heute plausibleren Themen den Vorzug und erinnert dabei unter Umstnden gar an die Not- wendigkeit der Aktualisierung der christlichen Predigt. Der dem Christentum entfremdeten Welt ist das recht und auch vielen, die sich nominell noch zum Christentum bekennen. Es ist schon so, dass viele heute mit dem Kreuz nichts mehr anzufangen wissen, seien sie Ver- knder oder Hrer des Wortes Gottes, und tatschlich verschlieen heute viele die Augen vor der Wirklichkeit des Kreuzes. So entspricht es einem Christentum, das sich der Welt an- gepasst hat. Zuweilen wird dabei auch gesagt, dass man die Botschaft vom Kreuz fr allzu dster hlt, dass sie der Passivitt das Wort rede und allzu wenig weltbejahend sei. In der Tat: Im Kontext von Strukturvernderung, Mndigkeit, Selbstverwirklichung und Lebens- standard hat das Kreuz keinen Platz.

Wenn der Gottmensch Jesus von Nazareth am Kreuz stirbt fr die Snden der Menschen - das aber ist die zentrale Wirklichkeit des Christentums - , dann ist das Kreuz fr uns die Mitte der Welt. Deshalb wird da das Christentum verfehlt, deshalb ist da nicht die Wahrheit Christi, wo das Kreuz ausgeklammert wird und wenn die Worte, die man macht, noch so gefllig sind und wenn sie noch so sehr triefen von Frmmigkeit.

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Gott stirbt am Kreuz, das ist das Geheimnis aller Geheimnisse, jenes Geheimnis, das wir nie vergessen drfen. Immer muss es uns prsent sein. Frhere Zeiten haben das noch besser gewusst. Darum haben sie sich berall mit der Darstellung des Kreuzes und des Gekreuzig- ten umgeben, drauen in der Natur und daheim in den Husern. Wenn es das heute noch gibt, so ist das weithin zu einer reinen Konvention geworden, hat das weithin nur noch ge- schichtliche oder kunstgeschichtliche Bedeutung.

Das Kreuz ist die Geburtsstunde der Kirche und damit der Erlsung. Der Stifter der Kirche ist der Gekreuzigte. Die Kirche ist und wird immer neu begrndet im Blut des Gekreuzigten, in seinem Tod - und in seiner Auferstehung. Daher wirken alle Sakramente aus dem Kreuz Christi und daher machen sie allesamt das Kreuz Christi geheimnisvoll gegenwrtig. 

So werden wir auf den Tod Christi getauft, empfangen wir in der Eucharistie den Leib, der fr uns hingegeben wurde, und werden wir im Busakrament, in der zweiten Taufe, wieder aufs innigste mit dem Erlsertod Christi verbunden. Ebenso stehen die Firmung und die Krankensalbung im Zeichen des gekreuzigten Christus. Im Sakrament der Ehe wird die Hin- gabe Christi wiederum geheimnisvoll dargestellt, und im Sakrament der Priesterweihe wird fortwhrend die Vollmacht vermittelt, das Kreuz Christi und seine Verdienste in den Sakra- menten zu vergegenwrtigen. 

Der Gekreuzigte ist die Mitte des Gottesdienstes der Kirche, allgemein. Die Kirche schliet sich ihm an in ihrem Beten.  All ihre Segnungen erfolgen im Zeichen des Kreuzes, und stets weist sie in ihnen hin auf das Kreuz als die Quelle des Heiles.

Das rckhaltlose Ja zum Kreuz ist endlich die Bedingung fr die Zugehrigkeit zu Christus und seiner Kirche. Wer Christus nicht das Kreuz nachtrgt, kann nicht sein Jnger sein. Das ist der Grundtenor der Verkndigung der Kirche seit den Tagen der Apostel (vgl. Mt 16, 24).

Das Kreuz Christi lehrt uns, dass das Leben aus dem Tod hervorgeht: Wir knnen nur ge- rettet werden, wenn das Kreuz fr uns Gottes Kraft und Gottes Weisheit ist, wenn es fr uns nicht Torheit oder rgernis ist. Paulus erklrt: Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen eine Torheit, uns aber, die gerettet werden, ist es eine Gotteskraft (1 Kor 1,18). Die Entscheidung fr das Kreuz Christi ist somit die Entscheidung gegen die Weisheit der Welt, und sie stellt diese gleichsam auf den Kopf. Das mssen wir uns klar machen, immer wieder einmal.

Tatschlich ist es so, dass das Leid, wofr das Kreuz steht, die Wirklichkeit dieser Welt grundlegend bestimmt, ob wir es wahr haben wollen oder nicht. Das sehen wir, wenn wir die Augen nicht verschlieen. Ungezhlt und unerschpflich ist das Leid, das uns im Alltag begegnet, das Leid, das wir uns selber zufgen, das Leid, das wir uns gegenseitig antun, und das Leid, das einfach schicksalhaft ist. 

Viel Leid geht hervor aus der Selbstvergtzung des Menschen, das ist sicher, viel Leid geht hervor aus unserem Stolz, aus unserem Geltungsdrang, aber auch aus unserer Unbe- herrschtheit, aus unserer Genusssucht und aus unserem Egoismus. Aber das erklrt nicht alles. Es gibt auch das schicksalhafte Leid, und gerade diese Form des Leides ist besonders abgrndig und rtselhaft. Schauen wir jedoch genauer hin, so sehen wir, dass auch die anderen beiden Formen des Leides uerst geheimnisvoll und rtselhaft sind, vielleicht nicht weniger geheimnisvoll und rtselhaft, sofern uns in ihnen das Geheimnis der Snde und der Schuld begegnet.

Die Frage nach dem Leid in der Welt ist im Grunde die qulendste Frage der Menschheit, und von daher ist sie schlielich die Frage aller Fragen. Unsere Vernunft kann Antworten darauf geben, einige, aber sie vermag keine Antwort zu geben, die uns letztlich zufrieden stellen kann. Die Antwort Gottes ist hier das Kreuz Christi, das in den Augen der Menschen, die nicht Gott die Ehre geben, Torheit ist und rgernis, das in Wirklichkeit aber Gottes Kraft und Gottes Weisheit ist. Im Kreuz Christi erfahren wir: Das Leid bringt uns Erlsung, wenn wir unser Kreuz tragen im Geist und in der Gesinnung Christi. Es ist Gottes Weisheit und Kraft, Rettung fr die, die es in diesem Sinne bejahen. Das Kreuz Christi lehrt uns, dass das Heil in der liebenden Hingabe liegt, in der liebenden Hingabe, in der wir dem Gekreuzigten nachfolgen, in allen Situationen unseres Lebens.

Damit bleibt das Leid letztlich geheimnisvoll, und damit wird es nicht aus der Welt geschafft, aber wir finden einen Weg, es als sinnvoll zu verstehen und es existentiell zu bestehen, wo immer wir mit ihm konfrontiert werden in unserem Leben. Gott erlst uns nicht vom Leid, sondern im Leid. 

Das Kreuz Christi ist nicht nur ein Zeichen des Leidens, es ist auch ein Zeichen des Trium- phes. Das will sagen, dass das Leid nicht das letzte Wort hat in dieser Welt. Mit Christus leiden, bedeutet mit ihm auferstehen.

Darum ist die Passion Christi ein Trauerspiel, eine Tragdie, zugleich aber ist sie eine Sie- gesfeier. Das Holz der Schmach ist seit der Auferstehung des Gekreuzigten zu einer Trophe des Sieges geworden, des grten Sieges, der je in dieser Welt erkmpft worden ist. 

Der heilige Augustinus (+ 430) erklrt im Blick auf das Kreuz Christi: Wir Christen gehen deshalb in den Strmen der Welt nicht unter, weil wir vom Kreuzesholz getragen werden (G. Morin, Sancti Augustini Sermones inediti, Roma 1930, 29,7).

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Das Kreuz Christi ist die Mitte unseres Christenlebens, die Quelle aller Gnade, es ist unser Heil, wenn wir es demtig bejahen und fest umfassen. Es ist die tiefste Antwort auf das Leid der Welt und zugleich ein Zeichen des Triumphes. Darum knnen wir, wenn wir es ergrei- fen, mit ihm zuversichtlich unserer ewigen Vollendung entgegengehen. Darum rhmen wir uns (mit dem heiligen Paulus) im Kreuz Christi (Gal 6. 14). Der Kirchenvater Cyrill von Je- rusalem schreibt im 4. Jahrhundert: In der katholischen Kirche ist zwar jede Tat Christi Ge- genstand des Ruhmes. Gegenstand hchsten Ruhmes aber ist das Kreuz (Taufkatechesen 13,1). Amen.

 

 GRNDONNERSTAG 2005

AM ABEND VOR SEINEM LEIDEN NAHM ER DAS BROT

Eine heilige Weihe liegt ber dem Grndonnerstag, an dem wir uns erinnern an den Ab- schied Jesu von seinen Jngern vor seiner Passion und vor seinem grausamen Sterben.  Das war der letzte Tag, dieser Grndonnerstag, den der irdische Jesus zusammen mit dem engsten Kreis seiner Getreuen, mit jenen zwlf Jngern verbracht hat, denen er eine beson- dere Sendung zugedacht hatte.  Er ist bestimmt von der Einsetzung der heiligen Eucharistie, die nach dem Willen Jesu die Mitte der Welt werden sollte. Sie sollte das Denkmal seiner Wundertaten werden, ein Gedchtnis seines Leidens und seines Sterbens und seiner seligen Auferstehung, das mehr sein sollte als nur eine Erinnerung, ein Gedchtnis, das diese Wirk- lichkeiten enthalten sollte. Zum ersten Mal wurde damals die heilige Messe gefeiert, deren Gre und Wrde viele von uns vergessen haben, fr die wir aber Gott niemals genug dan- ken knnen, ist sie doch die groe Brcke, die bis zum Jngsten Tag Himmel und Erde mit- einander verbindet. In ihr sollte das Kreuzesgeschehen Gegenwart bleiben, bis das Kreuz einst am Himmel erscheinen werde als Zeichen der Erlsung, um die Wiederkunft des Ge- kreuzigten anzukndigen.

Es ist aber nicht nur die erste heilige Messe, die den letzten Tag Jesu im Kreis seiner Ge- treuen bestimmt. Jesus hat seinen Abschied von seinen Getreuen mit der Fuwaschung verbunden, mit einer feierlichen Handlung, die das Geheimnis der ersten Eucharistie und damit das Geheimnis des Kreuzes verdeutlichen sollte: Die Erlsung ist das Werk der Liebe. Eine grere Liebe hat niemand, als der, der sein Leben hingibt fr seine Freunde (Joh 15, 13).

Die Stunde der ersten Eucharistie ist endlich auch die Stunde des Verrates, des treulosen Verrates eines der engsten Gefhrten Jesu, der schmhlichen Zurckweisung der Liebe des Erlsers, die sich oft wiederholt hat in der langen Geschichte des Christentums.

Wir nennen diesen Tag den Grndonnerstag. Grndonnerstag, das ist ein Terminus, dem das mittelhochdeutsche Wort greinen oder grienen zugrunde liegt, ein Wort, das sich heute noch im Niederdeutschen findet. Greinen bedeutet soviel wie Weinen. Der Grndon- nerstag ist der Donnerstag der Trnen. 

Aber das ist nur die eine Seite, der eine Aspekt, die Trauer, das Weinen angesichts des Ab- schieds und des beginnenden Leidens und Sterbens des Erlsers und auch angesichts der Judastat, der andere Aspekt ist die dankbare Freude, die dankbare Freude angesichts der Erlsung und angesichts des Gnadengeschenkes der heiligen Eucharistie. Sie ist im Grunde das zentrale Geschehen der letzten Stunde Jesu im Kreise seiner Getreuen, die Einsetzung der heiligen Eucharistie! 

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Am Abend vor seinem Leiden nahm er das Brot, diese Worte vernehmen wir immer wieder, wenn die heilige Messe auf ihrem Hhepunkt angelangt ist. Wir feiern die Wand- lung im Anschluss an das Tun des Erlsers im Abendmahlssaal. Es ist der gekreuzigte und auferstandene Christus, den der Priester vertritt in der heiligen Messe, und es ist der gekreu- zigte und auferstandene Christus, der in der heiligen Messe gegenwrtig wird und die Frchte des Kreuzesopfers, die Gnaden der Erlsung, austeilt. Es ist das Kreuzesgeschehen, das wir in der heiligen Messe sakramental, im Geheimnis, begehen. Das verleiht der Feier der Eucharistie in der Kirche ihre hohe Wrde. Diese Wrde aber muss anerkannt werden von uns durch unser Bekenntnis und durch unser Verhalten.

Es ist betrblich, zu sehen, was man heute zuweilen gemacht hat und noch weiterhin macht aus dem zentralen Gottesdienst der Kirche, aus dem eucharistischen Kult. Es ist verhng- nisvoll fr die Kirche, wenn heute in vielfltiger Weise mit der heiligen Messe experimen- tiert wird, wenn man die heilige Messe immer wieder als Unterhaltung wnscht und diesem Wunsch entgegenkommt. Nichts wirkt sich verheerender aus auf den christlichen Glauben als die Missachtung der heiligen Messe und - in der Regel damit verbunden - die Missach- tung des Gotteshauses. Nichts wirkt sich verheerender aus auf den christlichen Glauben, als wenn man den Gottesdienst nicht mehr als Gottesdienst, sondern als Menschendienst ver- steht, als wenn man aus dem Tod Christi ein Happening macht, als wenn man die heilige Messe nach ihrem Unterhaltungswert bemisst. Es ist eine Frage des Glaubens an das, was in der Feier der heiligen Messe geschieht. Der Glaube aber lebt von der Ehrfurcht. An die Stelle des ehrfrchtigen Glaubens tritt heute nicht selten der Unglaube oder auch der Aberglaube, oder man verachtet die gesunde Lehre aus Stolz und berheblichkeit. 

Wir feiern in der Eucharistie die Liebe Gottes. Denn aus Liebe zu uns Menschen ist Gott ein Mensch geworden, und aus Liebe zu uns hat er den Tod in dieser unserer Menschenwelt auf sich genommen. Die Liebe aber fordert von uns die Antwort der Liebe. Das gilt schon in unserer Menschenwelt: Wer Liebe empfngt, muss Liebe schenken. Wir knnen nicht Gottes Liebe empfangen, ohne ihm die Antwort der Liebe zu geben. 

Gott aber knnen wir nicht lieben, wenn wir nicht auch die Menschen lieben, fr die Chri- stus gestorben ist. Die Liebe zu Gott bewhrt sich in der Liebe und in der Gte, die wir den Menschen entgegenbringen.

Der feste Wille zur Liebe, ihn mssen wir in jeder heiligen Messe erneuern. Die heilige Me- sse ist, wenn wir sie recht verstehen, ein Appell zur Liebe und eine Schule der Liebe. Ein anderes Wort fr Liebe ist Hingabe. Bis zur Hingabe des Lebens muss die Liebe gehen. Die Hingabe, sie ist die Gestalt der Liebe Christi, des Gekreuzigten. Die Liebe Christi ist bei- spielhaft fr uns alle. Unzhlige Mrtyrer haben sich diese Liebe zu Eigen gemacht in der Geschichte des Christentums. Sie starben fr die Brder nach dem Beispiel des Erlsers in der Kraft seines Todes. Die Mrtyrer sind Zeugen der Liebe. Als solche folgen sie Christus nach in letzter Konsequenz. Es gab sie immer, und es gibt sie auch in unserer Zeit. 

Wir mssen unterscheiden zwischen dem Martyrium des Leibes und dem Martyrium der Seele. Das Martyrium der Seele, das geistige Martyrium, ist schmerzlicher, weil es fr ge- whnlich lnger dauert. Es ist gerade heute das Schicksal vieler Jnger Christi, die sich nicht dem Zeitgeist beugen, die Christus und seiner Kirche die Treue halten, die nicht da- vonlaufen und Verrat ben, um es besser zu haben. 

Es geht hier um die wahre Liebe zu Gott und zu den Menschen. Wir lernen sie in der rech- ten Mitfeier des eucharistischen Opfers. 

Das grte Leid und die grten Schmerzen knnen wir leichter ertragen, wenn wir aus der Liebe leben, wenn wir von der Liebe beflgelt werden. Die Kraft zur konsequenten Liebe und zur Konsequenz der Liebe erhalten wir in der immer neuen Begegnung mit dem, der fr uns gelitten und der fr uns den Tod auf sich genommen hat. Es ist die Kraft seines Todes, die diese Liebe in uns bewirkt, und diese Liebe schenkt uns die Kraft, treu zu sein in allen Leiden, vor allen in jenen Leiden, die uns die Treue zu Christus und seiner Kirche be- reitet. 

Noch ein Gedanke sei hier angefhrt. Oft trgt die Feier der heiligen Messe keine Frchte in unserem Leben, deshalb, weil wir nicht disponiert sind, weil wir uns nicht bemhen, dem Geschehen gerecht zu werden und uns recht zu bereiten fr die Begegnung mit dem Geheimnis des Kreuzes, mit dem Geheimnis des gekreuzigten und des auferstandenen Chri- stus. 

Der hufige Kommunionempfang dient der Verflachung des Glaubens und der Veruerli- chung, und er lsst die Gnade nicht zur Wirkung kommen, wenn wir uns nicht prfen, ob wir im Gnadenstand sind, und wenn wir nicht gewissenhaft bedenken, was wir tun. Gottes Gna- de ist mchtig, bermchtig, aber in der Regel geht sie nicht ber unsere Freiheit hinweg. 

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Danken wir an diesem Grndonnerstag Gott fr seine Liebe, wie sie uns im Leiden und Ster- ben Christi geschenkt worden ist! Erneuern wir unseren Willen, diesem Geheimnis stets mit groer Ehrfurcht zu begegnen! Prfen wir uns, bevor wir die eucharistische Speise emp- fan- gen und bereiten wir uns stets gut darauf vor! Von dem heiligen Augustinus (+ 430) stammt das Wort: Der dich ohne dich erlst hat, er wollte dich nicht ohne dich retten. Amen.

 

Predigt zum 5. Fastensonntag, gehalten am 13. Mrz 2005 
in Freiburg, St. Martin

Heute beginnt von alters her die Passionszeit. Sie ist dem Gedenken des Leidens und des Sterbens des menschgewordenen Gottessohnes geweiht. Es ist die Botschaft vom Tod, die uns da im Zeichen des Kreuzes verkndet wird. Zugleich mit ihr wird uns aber die Botschaft vom Leben verkndet, die Botschaft vom Leben in unserer Welt des Todes. Wir erfahren da- bei, dass Gott die grausame Wirklichkeit des Todes und der Vergnglichkeit verwandeln und durch seinen Geist die Grber ffnen wird, das heit: Er wird uns eine neue und bessere Welt erbauen. 

Damit haben wir die drei Stichwrter, die heute morgen Gegenstand unserer berlegungen sein sollen: der Tod, die berwindung des Todes in der Auferstehung und der Heilige Geist, der Geist Gottes, der das Neue bewirkt. Unsere sichtbare und erfahrbare Welt ist eine Welt des Todes. Gott wird eine neue Welt herauffhren, eine neue Welt, die schon jetzt wirksam ist im Heiligen Geist. 

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Das Evangelium des heutigen Sonntags zeichnet den Tod in seiner ganzen Furchtbarkeit und Hrte. Wir tuschen uns gern ber diese Hrte hinweg, indem wir die Augen davor ver- schlieen, indem wir den Tod ausklammern in unserem Denken oder vor ihm fliehen. So knnen wir berhaupt sehr treffend unsere Generation charakterisieren: Sie ist eine Genera- tion, die auf der Flucht ist vor dem Tod. Diese Flucht aber ist verhngnisvoll, denn mit ihr verliert der Tod seine Wrde. Geschieht das aber, verliert der Tod seine Wrde, so verliert sie auch das Leben, so verliert sie auch der Mensch berhaupt. Wer wollte diese Zusam- menhnge leugnen und ihre Aktualitt?

Die Unheimlichkeit des Todes ist dadurch gegeben, dass in ihm nicht etwas zugrunde geht, sondern jemand, eine Person. Im Tode des Menschen geschieht etwas, das eigentlich nicht geschehen sollte. Das sprt jeder irgendwie. Und jeder sprt es irgendwie, dass der Tod des Menschen nicht das definitive Ende ist fr ihn. Wre er das wirklich, so wre er nicht so furchtbar fr ihn. Wir wrden ihn anders empfinden, den Tod, und ihm anders gegenber- stehen. Auch der Unglubige ahnt es, dass sich hier eine andere Welt auftut, dass hier nicht nur eine Tr geschlossen wird, er ahnt, dass dahinter eine neue Tr geffnet wird. Was die Vernunft ahnt, der Glaube sagt es uns: Der Tod ist eine Phase in der Geschichte Gottes mit dem Menschen und mit der Welt. 

Damit sind wir schon bei dem zweiten Gedanken: Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten (Mt 22, 32; Mk 12,27; Lk 20,38). Auf den Tod folgt am Ende die Auferstehung, aber nicht als billiger Trost, sondern als Scheidung der Geister: Es gibt eine Auferstehung zum Leben, aber auch zum ewigen Tod. Gott nimmt unsere Freiheit ernst, ganz ernst nimmt er sie. Heute hat man den Eindruck, als ob aus der Frohen Botschaft vom ewigen Leben so et- was wie ein billiges Beruhigungsmittel geworden wre: Macht nur so weiter, es ist alles halb so schlimm. Damit wird die Botschaft der Kirche in verhngnisvoller Weise entstellt. Wenn wir nicht in heilsamer Furcht vor Gott stehen, so nehmen wir ihn im Grunde gar nicht mehr ernst. Gott ist zwar unendlich barmherzig, aber er ist zugleich auch unendlich gerecht. Der Mensch erntet, was er st (Gal 6, 8). Zwar knnen wir nicht an Gottes Stelle das Urteil sprechen, wir knnen weder heilig sprechen noch verdammen - die Kirche kann das Eine dank des Heiligen Geistes, der in ihr lebendig ist -, aber wir knnen weder das Eine noch das andere, aber wir knnen die Prinzipien namhaft machen, nach denen Gott urteilt, und das mssen wir auch. Damit tun wir nichts anderes, als dass wir seine Botschaft verknden, die verbindlich ist fr alle Menschen und fr alle Zeiten. 

Daraus folgt, dass wir jeden Augenblick uns unserer Verantwortung bewusst sein mssen, unserer Verantwortung, die wir vor Gott haben. Es ist die gleiche Verantwortung, die wir auch vor den Menschen haben. Verantwortungslos leben wir, wenn wir in den Tag hinein leben. Wir sind verantwortlich dafr, dass Gottes Herrscherrechte in unserer Welt anerkannt werden, zunchst in unserem persnlichen Leben, dann aber auch in unserer Umwelt und in unserer Mitwelt, wir sind verantwortlich dafr, dass die Menschen nicht gleichgltig an der Existenz Gottes vorbergehen und an seinen Geboten, dass die Dimension der Ewigkeit wieder bestimmend wird in der Politik und im Alltag.

Damit sind wir bereits bei dem dritten Gedanken: Die neue Welt hat schon begonnen. Was sein wird gem den Verheiungen Gottes, das beginnt schon jetzt. Als solche, die erlst sind, haben wir den Heiligen Geist empfangen, sind wir durch ihn vom Tode zum Leben hinbergegangen. Leben im Geist, das heit: Leben in der innigsten Gemeinschaft mit Chri- stus. Sie wird manifest in einem Leben des Gebetes. Dabei mssen wir bedenken, dass es auch das wortlose Gebet gibt. Es gibt kein greres Glck als die Gemeinschaft mit dem, der durch sein Leiden und seinen Tod hindurchgegangen ist - aus Liebe zu uns. Thomas von Aquin nennt die Gemeinschaft mit Christus im Heiligen Geist die inchoatio vitae aeternae, den Beginn des ewigen Lebens (vgl. Summa Theologiae II/II, q. 24, a. 3 ad 2). 

Das Leben in der Gemeinschaft mit Christus, das meint der Vlkerapostel Paulus, wenn er uns mahnt, als neue Menschen zu leben inmitten eines verderbten Geschlechtes (Phil 2,14 f). Wo immer das Christenleben so gelebt wird, da ist es von einer rtselhaften Faszination, da ist es mitreiend im wahrsten Sinne des Wortes.

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Wenn wir in diesen Tagen das Leiden und den Tod des Erlsers im Gebet betrachten, vor- dringlich, mehr als sonst, so drfen wir das tun, ja, mssen wir das tun auf dem Hinter- grund der Botschaft vom Leben, auf dem Hintergrund der Auferstehung, der Auferstehung des Erlsers und unserer eigenen Auferstehung. Christi Passion ist unsere Gegenwart. Seine Auferstehung ist unsere Zukunft. In der Passion Christi und in der Gemeinschaft mit ihr wirft unser ewiges Leben bereits seine Schatten voraus, vorausgesetzt, dass wir leben im Hei- ligen Geist. Wir drfen dem Tod ins Auge sehen, aber er ist uns Mahnung im Hinblick auf das, was danach kommt. Es wird alles gut, das ist richtig, nicht jedoch ohne unsere persn- liche Anstrengung. Es wird alles gut, wenn wir leben in der Gemeinschaft mit Christus, im Heiligen Geist. Amen.

 

Predigt zum 4. Fastensonntag, gehalten am 6. Mrz 2005
in Freiburg St. Martin

Die Heilung des Blindgeborenen hat wie alle Wunder Jesu eine tiefere, eine hintergrndige Bedeutung. Diese ergibt sich aus dem Verhr, dem die Phariser den Geheilten unterzie- hen.

Ein einfacher Mann, von Geburt an blind, ist durch Jesus geheilt worden. Die Phariser, angesehen und einflussreich, wollen das nicht wahr haben. Wre das nmlich wahr, dann mssten auch sie den Anspruch Jesu anerkennen und ihm nachfolgen. Das aber wollen sie nicht. Da sie nun Meister des Wortes sind, geschickt und (dialektisch) geschult, suchen sie das Faktum aus der Welt zu schaffen, sich selbst, dem Geheilten und den Leuten, die mit Staunen von dem Ereignis gehrt haben oder gar dessen Zeugen geworden sind, ein- zureden, dass sich da gar nichts Besonderes zugetragen hat.

Fr die Phariser gilt: Was nicht sein darf, nach ihren Vorstellungen, das kann nicht sein. Ihre Vorentscheidungen sind wichtiger fr sie als die Tatsachen, mit denen sie konfrontiert werden. Was nicht in ihr Konzept passt, das kann nicht geschehen sein.

Weil sie stolz und verbohrt sind, deshalb wollen, ja, knnen sie nicht sehen. Sie sind blind fr die Tatsachen, weil an die Stelle ihres schlichten Hinschauens und ihres gesunden Men- schenversandes ihre komplizierten Theorien getreten sind, an denen sie festhalten, auch wenn die Wirklichkeit klar dagegen spricht.

Damit sind sie, die Phariser, die eigentlich Blinden, die zudem noch immer tiefer hinein- geraten in ihre Blindheit. Diese ist bei ihnen letztlich die Folge der Snde, der Snde des Hochmuts, des Bildungsstolzes und der Einbildung. Sie meinen, sie brauchen sich nichts sa- gen zu lassen, weil sie schon alles wissen, sie brauchen sich nichts sagen zu lassen, erst recht nicht von einem so einfachen Menschen wie dem Blindgeborenen des Evangeliums. Und daher belgen sie sich selbst und die anderen. Der Stolz ist es letztlich, der sie von der Wirklichkeit wegfhrt und sie schuldig macht vor Gott.

Die Lge, der Selbstbetrug, die Verflschung der Wirklichkeit, das gehrt zu jeder Snde, vor allem zur Snde des Hochmuts, denn immer muss die Snde, ganz gleich, um welche Snde es sich handelt, die Wirklichkeit auf den Kopf stellen. Von dieser Verdrehung lebt sie geradezu. Darum ist es so, dass wir uns am besten vor der Snde bewahren, vor jeder Sn- de, durch die gewissenhafte Liebe zur Wahrheit, durch das konsequente Bemhen um letzte Objektivitt, durch unbestechliche Nchternheit und durch die naive Offenheit fr das, was ist. Diese Haltungen hat Jesus uns vorgelebt, und immer wieder hat er sie zum Gegenstand seiner Verkndigung gemacht. Die Tugend der Wahrhaftigkeit, darum geht es hier letztlich, sie ist die entscheidende Tugend des Jngers Christi. Noch vor der Liebe hat sie ihren Platz im Christentum.

Um noch einmal einen Blick auf die Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen zu werfen: Es ist bezeichnend, dass sich die Phariser immer mehr in ihre Blindheit ver- stricken, der Geheilte aber immer hellsichtiger wird, weshalb er, als er Jesus spter wieder begegnet, anbetend vor ihm niederfllt. Die Auseinandersetzung mit denen, die nicht glau- ben und nicht glauben wollen, hat ihn in seiner eigenen berzeugung in wachsendem Ma bestrkt. 

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Die Geschichte von der Heilung des Blindgeborenen ist nicht eine einmalige, sie wiederholt sich immer wieder: Die Leugnung der Wahrheit aus Stolz und die Verblendung des Geistes und des Herzens aus Einbildung. Unter diesem Aspekt gibt es Phariser auch heute, und zwar in allen Schichten der Bevlkerung, innerhalb der Kirche wie auch im profanen Be- reich, nicht nur bei der sogenannten Intelligenz. Solche Phariser begegnen uns berall da, wo man sich nicht durch die Tatsachen belehren lassen will, wo Ideologie und Parteichi- nesisch an die Stelle des gesunden Menschenverstandes treten, wo man sich eine eigene Logik schafft und das, was man sich denken kann, hher einschtzt als die nchterne Wirk- lichkeit, wo wir uns unsere Theorien bilden unbekmmert darum, dass wir dabei den Boden unter den Fen verlieren.

Man fragt sich oft angesichts der hochtrabenden Gesprche, die heute im gesellschaftlichen und im politischen und auch im kirchlichen Bereich in mannigfacher Weise gefhrt werden, oft auch in Pfarrgemeinderten und auf Priesterkonferenzen, wie es mglich ist, dass man so klug ist und so kluge Reden fhrt, dass man darber das Selbstverstndlichste aus dem Auge verliert. Wer von uns hat es nicht schon erlebt, dass das Selbstverstndlichste mit einem hohen geistigen Anspruch in Frage gestellt wurde?

Wir sind oft verblendet, wie die Phariser im Evangelium verblendet sind, die nicht sehen wollen und daher auch nicht sehen knnen, weil wir nicht demtig sind und unseren Blick nicht auf die Wirklichkeit richten, wie sie ist, das heit: weil wir uns nicht konsequent um die Tugenden der Wahrhaftigkeit und der Wahrheitsliebe bemhen.

Demut und nchterne Sachlichkeit und die innere Gemeinschaft mit dem Wundertter des Evangeliums bewahren uns davor, dass wir hochtrabende Reden fhren und dabei den ge- sunden Hausverstand verlieren. 

Oft ist es so, das die Sehenden blind und die Blinden sehend werden, nicht anders als das in dieser Geschichte des Evangeliums der Fall ist. Sehen und Erkennen, das ist letzten Endes eine Frage der Reinigung des Herzens von der Snde und von der Anhnglichkeit an ihr. Die Snde verdunkelt den Geist, und immer wieder liefert sie uns aus an die Ideologien der Zeit. Amen.

 

Predigt zum 3. Fastensonntag, gehalten am 27. Februar 2005 
in Freiburg St. Martin 

Jesus erwiderte der Samariterin: Du hast richtig gesagt, dass du keinen Mann hast, denn du hast fnf Mnner gehabt, und der, mit dem du jetzt lebst, ist nicht dein Mann. Das, was da- mals die Ausnahme war, die Verfehlungen gegen die Ehe, gegen ihre Unauflslichkeit, die Verfehlungen gegen die eheliche Treue und gegen die Ehe als Institution, heute wird es mehr und mehr zur Regel. 

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In der heute herrschenden Auffassung ber Ehe und Familie und der daraus folgenden Pra- xis mssen wir wie in einem Brennpunkt die ganze Misere unserer Zeit erkennen. Es gibt kei- nen Bereich des menschlichen Lebens, der so empfindlich, der so anfllig ist und der, wenn er verletzt wird, so sehr das ganze Leben eines Menschen verwundet, wie das der Bereich von Ehe und Familie ist. Wenn Gott dem Menschen gebietet, die Ehe heilig zu hal- ten, so geschieht das deshalb, weil hier die Quelle des menschlichen Lebens liegt, die Wur- zel unserer Existenz, eines jeden von uns. Jeder von uns stammt aus einer Ehe und hat in ihr, in der zur Familie auswachsenden Ehe, die ersten und tiefsten Eindrcke seines Lebens empfangen. Die Familie ist die erste Schule unseres Lebens und zugleich die entschei- dende. Da werden die Weichen gestellt fr das ganze Leben, und die Fehler, die da gemacht werden, sind nur schwer korrigierbar im spteren Leben. Jener Ort, an dem das natrliche Leben des Menschen beginnt, er muss heilig gehalten werden, weil der Mensch das Ebenbild Gottes ist. Geschieht das nicht, so hat das kaum zu reparierende Schden zur Folge, fr die Kinder, aber auch fr die Eltern, Belastungen, die im spteren Leben im allgemeinen nicht aufgeholt werden knnen. Nichts wirkt nachhaltiger auf den Menschen als die Zerstrung dieser Quelle des Lebens, die gleichzeitig die Quelle der menschlichen Gesellschaft und des Staates ist.

Die Missachtung der Ehe und der Familie fhrt zur Missachtung des Menschen wie auch die Missachtung des Menschen zur Missachtung von Ehe und Familie fhrt. Da liegen die wah- ren Wurzeln unserer gegenwrtigen Misere.

Und was uns heute an Missachtung des Menschen begegnet, das ist ungeheuerlich. Die wah- ren Grnde dafr sieht man oft nicht, oder man entschliet sich einfach, davor die Augen zu verschlieen. Wie leichtfertig heute Menschen ihren Mitmenschen das Leben zur Hlle ma- chen, wenn wir die Augen aufmachen, so kann uns das nicht entgehen. Ungezhlt sind heu- te die Ehe- und die Familientragdien. Hinter einer schnen Fassade verbirgt sich sehr oft namenloses Leid, Leid, das nicht sein msste, das knstlich verursacht wurde - aus Un- kenntnis, aber auch aus Bosheit. Erinnert sei hier nur einmal an die zahllosen Eheschei- dungen. Sie sind aber eigentlich nur die Spitze des Eisbergs.

In welch schreckliche Unfreiheit die sogenannte sexuelle Befreiung viele Menschen heute gefhrt hat und weiter hineinfhrt, junge und alte Menschen, darber schweigen die Ma- ssenmedien. Darber schweigen sie, weil das einfach nicht wahr sein darf. So ist es immer: Die Verfhrer lassen die Verfhrten allein, wenn sie in Not gekommen sind. 

Wie viel Abhngigkeit und wie viel Demtigung begegnet uns heute als Folge der Freizgig- keit und des allgemeinen Werteverlustes, speziell im Hinblick auf die Sexualmoral! 

Die Missachtung des Menschen heute, sie zeigt sich auch in der wachsenden Leichtfer- tigkeit, mit der die ungeborenen Kinder abgetrieben werden. Da ist der Mensch, das Eben- bild Gottes nicht mehr als eine Kaulquappe, eher noch weniger. So handelt man, ja, so sagt man es auch. Auch hier steht ein fragwrdiges Verstndnis von Ehe und Familie im Hinter- grund, ein fragwrdiges Verstndnis von Ehe und Familie und vom Menschen, ein Ethos der Beliebigkeit, wenn man da berhaupt noch von Ethos sprechen kann.

Es ist bezeichnend, dass man in der gegenwrtigen Debatte um die Abtreibung nichts hrt von sexueller Disziplin, von der Notwendigkeit, dass dem Menschen Ideale gezeigt und vor- gelebt werden. Lieber baut man Abtreibungskliniken und spricht von dem Recht auf Abtrei- bung, als dass man dafr sorgt, dass die Menschen gar nicht erst ernsthaft vor die Frage der Abtreibung gestellt werden. 

Die Missachtung des Menschen heute, sie zeigt sich auch in den Umtrieben auf den Straen unserer Stdte, in der wachsenden Kriminalitt, in der sich ausbreitenden Selbstzerstrung der Menschen im Griff nach dem Alkohol, nach dem Nikotin und nach den Drogen. Das sind Symptome einer extremen sittlichen Auszehrung, Symptome einer inneren Anarchie, eines totalen Chaos in den Seelen vieler. Dieses Chaos folgt aber weithin aus der fehlenden Geborgenheit in einer intakten Familie und aus den falschen Vorstellungen von der Sexua- litt und von der Ehe und aus einem ganz und gar verkehrten Menschenbild. Hinter all dem steht letztlich die Unehrlichkeit, die sich mit dem Stolz der Emanzipation verbindet. Die L- ge macht stolz, und der Stolz fhrt zur Lge, zur Lebenslge, im beruflichen wie im priva- ten Leben.

Da fehlt es an der Religion. Das Vakuum des Christentums hat unheimliche Abgrnde ent- stehen lassen. Dieses Vakuum und diese Abgrnde finden wir auch da, wo man formell am Christentum festhlt, gerade dort eigentlich sehr hufig. Das aber ist besonders skandals.

Der Mensch verliert die Moral, wenn er die Ewigkeit verliert. Mit der Ewigkeit aber verliert er die Mitte. Und wenn er die Mitte verloren hat, wird er gefhrlicher als ein wildes Tier, dann zerstrt er sich selbst und seine Mitwelt und seine Umwelt. Und er merkt es oftmals nicht einmal mehr, und wenn er es merkt, verschliet er die Augen davor.

Sagen wir nicht: Gesndigt hat der Mensch immer, und die Gottlosigkeit gibt es, solange die Welt steht. Die Gottlosigkeit und die Religionslosigkeit der Massen ist ein ganz neues Ph- nomen. Das gab es so noch zu keiner Zeit. 

Heute ist jedoch nicht nur die Religion gefragt, heute ist das Christentum gefragt - das Chri- stentum ist mehr als nur eine Religion oder eine religise Haltung -, heute ist das Christen- tum gefragt, da wir heute auf der Hhe unserer Zivilisation gefhrlicher leben als je zuvor. Es gibt nur eine Mglichkeit, den Menschen vor dem Absturz zu bewahren und den Men- schen im Menschen zu retten, das ist die Besinnung auf das Christentum, auf das authen- tische Christentum, auf die Botschaft der Kirche Christi. 

Ihre Basis ist hier die Erkenntnis, dass der Mensch - wie es wiederholt in den Evangelien heit - sein Leben gewinnt, wenn er bereit ist, es zu verlieren, wenn er bereit ist, es hinzu- geben, um Gottes willen, dass er es aber verliert, wenn er alles daransetzt, es zu gewinnen. 

Die Voraussetzung dieser Haltung ist die Liebe zur Wahrheit, ihre Folge aber die Ehrfurcht vor Gott und vor seinen Geboten und die Ehrfurcht vor den Menschen, dem Ebenbild Gottes, der Krone der Schpfung. 

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Das Evangelium des heutigen dritten Fastensonntags erinnert uns an die Missachtung von Ehe und Familie, an die sexuelle Verwilderung, die weithin als Fortschritt gepriesen wird in der modernen Welt, worin sich jedoch eine erschreckende Missachtung des Menschen zeigt, die ihrerseits hervorgeht aus einer ebenso erschreckenden Missachtung Gottes und all de- ssen, was Religion heit. Die Missachtung des Menschen durch den Menschen ist die Folge seiner Abwendung von Gott und vor allem die Folge seiner Abwendung von der Botschaft des Christentums, das noch vor kurzem das Leben vieler bestimmt hat. Das aber fhrt zu dem vlligen Verlust der Moral und des Verantwortungsbewusstseins, damit aber ins Chaos hinein. Die Wiederhinwendung zu Gott, zum Christentums und zur Botschaft der Kirche ist von daher heute zu einer Lebensfrage der Menschheit und ihrer Zukunft geworden. Es geht um die Rettung des Menschen im Menschen. 

Wir mssen auch hier - wie eigentlich immer - im Kleinen anfangen, bei uns selber. Ein wichtiger Punkt ist da die bung der Entsagung, die der eigentliche Sinn der Fastenzeit ist, der sterlichen Buzeit. Wenn wir uns selbst berwinden, so reinigen wir unsere Seele, so erkennen wir aufs Neue das Wesentliche. 

Durch das Fasten des Leibes erhebst du den Geist beten wir in der Fastenprfation. Das Verfallensein an die Welt und an das eigene Ich verblendet unseren Geist und schwcht unseren Willen. Wenn wir bei uns selber beginnen mit unseren Taten und mit unseren Wor- ten, so haben wir schon viel getan. Durch das Fasten des Leibes und durch die Entsagung wird unser Geist erhoben, wir reinigen darin unsere Seele und erkennen sodann das We- sentliche besser und tun das darin Gebotene sodann mit grerer Entschlossenheit. Amen.

 

                 Predigt zum 2. Fastensonntag, gehalten am 20. Februar 2005, 
in Freiburg, St. Martin

Wenn wir in einer schwierigen Lage sind, wenn Sorgen uns qulen, wenn wir unter groen Schmerzen zu leiden haben, so ist es ein Trost fr uns, wenn wir wissen, dass alles wieder gut werden wird, dass die gegenwrtige Leidenssituation schlielich einen guten Ausgang nehmen wird. Darum trsten wir unsere Mitmenschen und auch uns selber in den Nten des Alltags gern mit dem Hinweis darauf, dass diese vorbergehen werden, dass auch auf diese Nacht wieder ein neuer Tag folgen wird, wenngleich dieser Trost nicht immer ein Funda- ment in der Wirklichkeit hat. In jedem Fall schenkt uns der Gedanke an eine bessere Zukunft, die Hoffnung auf die berwindung aller Leiden Trost und Geduld in den Nten des Alltags und schlielich auch in schweren Bedrngnissen.

Um die Zukunft, um die Hoffnung, um die Geduld und um den Trost geht es in der Verklrung Jesu, fr ihn selbst, den Verklrten, sofern er auch ein Mensch ist, und fr seine Jnger. Die Verklrung Jesu ist die Vorwegnahme seiner Zukunft und der Zukunft der erlsten Mensch- heit und ein Abbild der Endvollendung. Sie will uns anschaulich die Wahrheit nahe bringen: Die Leiden, die uns auferlegt werden, gehen vorber, sie sind vergnglich, unvergnglich aber ist die Freude fr uns, wenn wir ausharren in der Bedrngnis und wenn wir in den Lei- den dieser Zeit dem leidenden Jesus nachfolgen und uns im Geiste mit ihm verbinden. 

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Was da im Einzelnen geschehen ist, in der Verklrung Jesu, das ist schwer zu sagen. Gegen- ber dem Geheimnis Gottes versagen letzten Endes immer unsere menschlichen Vorstel- lungen und unsere menschlichen Worte. 

Der Begriff der Verklrung begegnet uns des fteren im Neuen Testament: Christus wird verklrt vor seinem Leiden auf dem Berge Tabor, vorbergehend, endgltig verklrt wird er nach seiner Auferstehung, und wir sollen gem dem Heilsplan Gottes verklrt werden nach unserer Auferstehung am Ende der Zeit, wenn Christus wiederkommen wird. 

Verklrung bedeutet Umgestaltung, Umwandlung. Die Verklrung vermittelt das unbe- schreibliche Glck der Ewigkeit. Das kommt in unserem Evangelium darin zum Ausdruck, das Petrus auf dem Berge Tabor die Zeit festhalten will, dass er mchte, dass die Zeit gleich- sam still steht, weshalb er erklrt: Wir wollen hier drei Htten bauen. Das unbeschreibliche Glck auf dem Berg Tabor wird noch unterstrichen durch die Wolke. In ihrer unerreichbaren Hhe und in ihrer Geheimnishaftigkeit ist sie das Zeichen fr Gott. Von der Wolke als dem Zeichen Gottes hren wir immer wieder im Alten Testament. Die Wolke bringt einerseits den erquickenden Regen und andererseits die Schrecken des Gewitters. Und Christus wird am Ende aller Tage auf den Wolken des Himmels kommen, wie es uns die vier Evangelien be- zeugen. Und hier, auf dem Berge Tabor, ertnt die Stimme Gottes aus der Wolke, wie es heit im Evangelium.

Gottes Anwesenheit im Zeichen der Wolke bedeutet Seligkeit, zugleich aber bedeutet sie die uerste Gefhrdung des Menschen. Da ist immer wieder von den Schrecken Gottes die Re- de in der Heiligen Schrift des Alten Testamentes. Der fromme Israelit begegnete Gott in Furcht und in Liebe. Im Alten Testament heit es einmal: Wer Gott sieht, der muss sterben (Ex 33, 20). Darum werden die drei Apostel bei aller Seligkeit, die sie auf dem Berge Tabor erfllt, auch von groer Furcht ergriffen. Sie werfen sich nieder und verhllen ihr Antlitz. Aber Jesus rhrt sie an, und es beginnt wieder der Alltag, das ekstatische Erleben ist vor- ber.

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Die Stimme vom Himmel sagt den auserwhlten Aposteln: Ihn sollt ihr hren. Da wieder- holt sich das, was uns bereits bei der Taufe Jesu begegnet ist. Wer Jesus hrt, der braucht sich nicht zu frchten, der kann vor Gott bestehen, dem wird das unbeschreibliche Glck zu- teil, das die Verklrung Jesu andeutet. Auf ihn zu hren, das ist die Voraussetzung fr unsere Verklrung. - Heute spricht Jesus zu uns durch seine Kirche, durch die Kirche der Jahrhun- derte. In ihr begegnet uns die Stimme Gottes. 

Nur dann nimmt alles Leid unseres Lebens einen guten Ausgang, wenn wir auf ihn, den ver- klrten Christus, hren und nicht nur reden und nachreden, was uns eine unglubige Welt vorredet, wenn wir auf ihn hren und dementsprechend handeln. Wenn wir nur den Tages- parolen unser Ohr leihen, dem, was wir gern hren, was unserer Eitelkeit schmeichelt, un- serem Stolz und unserer Bequemlichkeit, dann verfehlen wir das Wort Jesu und Gottes. Das aber ist verhngnisvoll.

Im 2. Timotheusbrief werden wir gewarnt vor den falschen Propheten, wenn es da heit: Es wird eine Zeit kommen, da man die gesunde Lehre nicht ertrgt und sich Lehrer nach eige- ner Willkr sucht, die den Ohren schmeicheln, von der Wahrheit aber wird man das Ohr abwenden und sich Fabeleien zuwenden (2 Tim 4, 3 f). 

Die Mahnung, die sich daraus fr uns ergibt, ist die, dass wir wachsam sind. Die Frage der rechten Propheten war schon immer von entscheidender Bedeutung. Falsche Propheten gab es im Alten Testament, zur Zeit Jesu und in allen Jahrhunderten nicht wenige. Heute gibt es vielleicht mehr davon als je zuvor. Im Alten Testament galten hier die zwei Grundstze: Wenn das eintritt, was der Prophet voraussagt, so ist er echt, und wenn der Prophet sagt, was die Menschen gern hren, dann ist er ein Lgenprophet. Jesus erklrt im Blick auf die Propheten oder auf die Lehrer: An ihren Frchten werdet ihr sie erkennen (Mt 7, 16). 

Der Sohn des Knigs Salomon, Roboam, verlor nach dem Tod seines Vaters zehn Stmme, und das Reich seines Vaters wurde geteilt, weil er auf die falschen Ratgeber gehrt hatte, auf die jungen Leute, die mit ihm aufgewachsen waren, und weil er den Rat der Weisen verschmht und den falschen Propheten sein Ohr geliehen hatte.

Nach der Vorhersage der Geheimen Offenbarung wird die Zahl der falschen Propheten im- mer grer, je mehr die Zeit ihrer Vollendung entgegengeht. Demnach wird es immer schwerer, das Wort Jesu zu vernehmen, es in der richtigen Interpretation und Deutung zu vernehmen. 

Formal begegnet uns die rechte Lehre in der Verkndigung des Papstes und der Gesamtheit der Bischfe, soweit sie in der Gemeinschaft mit dem Papst stehen. Inhaltlich erkennen wir sie an den Frchten der Propheten und Lehrer und an dem Charakter ihrer Weisungen. Wo wir nicht gefordert werden, wo man uns unsere Bequemlichkeit zugesteht und uns in unseren Erwartungen besttigt, da ist nicht das Wort Gottes oder da wird es falsch ausgelegt. Gott ruft uns zu einem Leben der Bue, zu Fasten und Beten, zu Selbstverleugnung und Ent- sagung, nicht in stummer Trauer und Resignation, sondern in groer Freude. Die innere Frei- heit und die Gemeinschaft mit Christus, das ist das tiefste und festeste Fundament einer un- beirrbaren Heiterkeit in allen Wechselfllen des Lebens, eines grundlegenden Optimismus, der sich nhrt aus einem lebendigen Glauben und aus einer starken Hoffnung, deren Funda- ment allein das Gebet sein kann.

*

Wenn wir auf den verklrten Christus hren, wenn wir uns seine Botschaft zu Eigen machen, tglich aufs Neue, dann schenken uns seine Verklrung und seine Auferstehung Trost und Geduld auf den beschwerlichen Wegen unserer irdischen Pilgerschaft, in den Prfungen des Lebens und in den Nten des Alltags. Christi Gegenwart ist unsere Zukunft, wenn wir auf ihn hren. Amen. 

 

 

Predigt zum 1. Fastensonntag, dem 13. Februar 2005

Die Darstellung der Versuchung Jesu in der Wste ist eine der auffallendsten Geschichten in den Evangelien und vielleicht auch eine der rtselhaftesten. Wenn der Sohn Gottes versucht wird, so geschieht das deshalb, weil er in allem uns gleich geworden ist. Die Versuchbarkeit gehrt zu unserem Menschsein. Von ihr ist schon auf den ersten Seiten des Alten Testamentes die Rede, wenn da die Versuchung der ersten Menschen geschildert wird. 

Die Versuchbarkeit ist ein Teil unserer menschlichen Natur. Deshalb bleibt die Versu- chung niemandem erspart. Auch die Heiligen, immer wieder wurden sie versucht, vor allem, wenn sie sich schwere Opfer auferlegten und wenn sie auf die Annehmlichkeiten des Lebens verzichteten, wenn sie sich aus Liebe zu Gott kasteiten und sich der Askese hingaben. So war es auch bei Jesus: Vierzig Tage und vierzig Nchte hatte er in der Wste Juda ver- bracht, die zwischen Jerusalem und Jericho gelegen ist und bis auf 5 Kilometer an die Tore Jerusalems heranreicht.

Die Versuchung ist noch nicht die Snde, das mssen wir sehen, aber sie geht oft der Snde voraus. Versuchung ist fr uns alles, was uns antreibt, den Willen Gottes zu ver- letzen, um unsere eigenen Bedrfnisse zu befriedigen. Immer will uns die Versuchung von Gott ablsen. Meistens ist sie da, bevor wir klar und deutlich sehen, dass wir versucht werden, und kennzeichnend ist fr sie, dass in ihr zunchst alles scheinbar harmlos ist, ja, dass sie uns stets die Harmlosigkeit suggeriert. Ein anderes Wort fr Versuchung ist An- fechtung. 

Der Teufel ist der Versucher, der Versucher schlechthin. So war es bei den ersten Men- schen, so war es im Leben der Heiligen, so war es bei Jesus. So ist es auch bei uns. Er zieht in dieser Welt umher wie ein brllender Lwe, suchend, wen er verschlinge. Daran erinnert uns der 1. Petrusbrief (1 Petr 5, 8). Allerdings brllt er nicht immer. Heute jedenfalls weniger als in frheren Zeiten. Seine Sprache ist eine andere geworden.

Alle Tage erfahren wir unsere Versuchbarkeit, wenn wir aufmerksam und bewusst leben und wenn wir uns bemhen, Gott die Treue zu halten. Ja, immerfort sind wir konfrontiert mit der Versuchung und mit dem Versucher. 

Gewiss werden wir versucht durch unsere unlauteren Wnsche und Begierden, durch un- sere Triebe und durch unsere Leidenschaften, durch unsere Selbstsucht, wie es im Jako- busbrief heit (Jak 1, 14). Wir suchen den Besitz, den Genuss, die Macht und die Ehre. Und dieses Streben ist oft unersttlich und ohne Ma. Nicht zuletzt ist es der ungezgelte Freiheitsdrang, der uns immer wieder zur Versuchung wird. Aber oft steht der Teufel da- hinter, der Vater der Lge, der Lgner von Anbeginn. Ein integrales Moment der Versu- chung ist die Lge. Das drfen wir nicht bersehen. Der Teufel bedient sich unserer Schwche. Und nicht selten fhrt er lange Verhandlungen mit uns, wenn wir uns ihm nicht sogleich unterwerfen.

In der 6. Vaterunser-Bitte beten wir um Bewahrung vor der Versuchung und um die Hilfe Gottes in ihr. Mit Recht, denn oft scheint sie ber unsere Kraft hinauszugehen. Und im Jakobusbrief heit es: Selig der Mann, der in der Versuchung standhlt, denn wenn er sich bewhrt, wird er die Krone des Lebens erhalten (Jak 1, 12). 

Die Versuchung Jesu und sein Verhalten in ihr ist vorbildlich fr uns. Einer ist unser Leh- rer, von ihm sollen wir lernen in allem. So sagt es das Evangelium (Mt 23, 10; Mt 11, 29).

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Die Versuchung Jesu war ein innerer Vorgang, wie es die Versuchungen auch bei uns sind. Da gibt es keinen Zweifel. Sie war ein wirkliches Geschehen, und sie war drama- tisch, aber nicht mit einer ueren Ortsvernderung verbunden. Ihr Ort war die Wste Ju- da. In dreifacher Gestalt tritt da die Versuchung an Jesus heran. 

Zunchst ist es der Hunger, der ihn qult, aus dem die erste Versuchung hervorgeht, die Versuchung, sich durch ein Wunder aus der augenblicklichen Notlage zu befreien. Das war indessen nicht vorgesehen, dass er seine Wundermacht in seinem eigenen Interesse, zu seinem eigenen Nutzen, gebraucht htte. Htte er das getan, wre das Ungehorsam gewesen gegenber seinem Vater im Himmel, htte er seine gttliche Vollmacht und sei- ne messianische Sendung in egoistischer Weise missbraucht.

Ging es bei der ersten Versuchung darum, dass Jesus sich nach dem Willen des Versu- chers aus einer augenblicklichen persnlichen Notlage selber retten sollte, sollte er bei der zweiten eine Gefahr herbeifhren und durch diese ein Wunder von Seiten Gottes her- ausfordern. Bei dieser zweiten Versuchung ging es wohl nicht darum, dass er sich durch ein Schauwunder als Messias htte ausweisen sollen, denn von der Volksmenge, die dann htte zuschauen sollen, ist ja nicht die Rede. Vielmehr war es wohl so: Er wusste, dass er sich als Mensch des gttlichen Schutzes erfreute, von daher ging die Versuchung dahin, dass er nun diesen Schutz missbrauchte und sich dadurch mit Gott entzweite. Das heit: Er widerstand der Versuchung, den Vater im Himmel frevelhaft herauszufordern und sich so seinem Willen zu widersetzen. Darum verwies er auch dieses Mal wieder, wie bei der ersten Versuchung, den Teufel auf den Willen seines Vaters, den zu erfllen er in die Welt gekommen war. 

In der dritten Versuchung geht es darum, dass Jesus seine Messianitt nicht als die des leidenden Gottesknechtes versteht, sondern im Sinne politischer Macht, im Sinne irdi- schen Glanzes und irdischen Genusses. Er ist gekommen, um die Werke Satans zu zerst- ren (1 Joh 3, 8), und nun soll er gleichsam sein Vasall werden und sich in seinen Dienst stellen. Genau das meint die dritte Versuchung. Wiederum weist Jesus den Versucher hin auf den Willen seines Vaters, wie er in der Schrift ausgesprochen ist. Damit berwindet er auch die dritte Versuchung im Gedanken an seinen Gehorsam gegenber dem Vater im Himmel. 

In allen drei Versuchungen geht es um den Abfall Jesu von der ihm durch den Willen seines Vaters zugekommenen messianischen Aufgabe. Dreimal will ihn der Teufel zum Ungehorsam gegen den Vater und zum Abfall von seiner Sendung verfhren und ihn so moralisch vernichten, und in allen drei Fllen berwindet er die Versuchung durch den Hinweis auf und durch den Gedanken an ein Schriftwort, dem er sich unterwirft. Im Epheserbrief wird das Wort Gottes als Schwert des Geistes bezeichnet (Eph 6, 17). 

Die Versuchung Jesu erfolgt unmittelbar vor dem Beginn seines ffentlichen Auftretens. Damit erscheint sie als Beginn seines Kampfes mit dem Satan, der programmatisch ist fr die drei Jahre seines messianischen Wirkens. 

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Auch in der Versuchung wird uns Christus zum Lehrmeister und zum Vorbild. Es gilt, dass wir die Versuchungen unseres Lebens, die Versuchungen, die ber uns kommen, dass wir sie nach seinem Beispiel und in der Gemeinschaft mit ihm berwinden und uns darin als seine treuen Diener erweisen.

Fr ihn gibt es kein Paktieren mit dem Versucher, und er berwindet ihn mit dem Wort Gottes, dem Schwert des Geistes. Das ist offenkundig. Im tiefsten ist es aber das Gebet, das sein ganzes Leben bestimmt, die innere Verbundenheit mit dem Vater im Himmel, und in dieser seiner entschiedenen Hinwendung zu seinem Vater im Himmel berwindet er die Versuchungen. Das Fundament ist das Gebet, die innere Verbundenheit mit Gott, bei Jesus. Das gilt auch fr uns, wo immer wir mit der Versuchung konfrontiert werden. Immer berwinden wir die Versuchung letztlich durch das Gebet, im Vorfeld der Versu- chung wie auch in der Versuchung selber. 

Hinzukommen mssen dann aber die Tugenden der Glaubenshoffnung, der Festigkeit, der Wahrhaftigkeit, der Treue, der Besonnenheit und der Wachsamkeit. 

Nicht zuletzt brauchen wir einen starken Willen. Ihn brauchen wir fr das Erlernen der Tugenden wie auch fr die Auseinandersetzung mit den Versuchungen, ihn mssen wir einben durch Disziplin, durch Entsagung und durch Verzicht auf Erlaubtes, durch das, was wir gewhnlich als Opfer bezeichnen. Das Evangelium spricht hier von der Selbst- verleugnung und nennt sie eine Bedingung des Heiles. 

Das ist gemeint mit dem Begriff des Fastens, mit dem, was die heiligen vierzig Tage im Sinn haben, die wir vor wenigen Tagen begonnen haben. Der Verzicht ist nicht schwer, wenn er aus Liebe erfolgt, aus Liebe zu dem, der uns zuvor geliebt hat. 

In der Nachfolge Christi lesen wir bei Thomas von Kempen: Nur so viel wirst du voran- schreiten, als du dir selber Gewalt antust (Buch I, Kap. 25, 3). Amen.

 

 

Predigt zum 5. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 6. Februar 2005 
in Freiburg, St. Martin 

Die Bergpredigt, deren Anfang wir am vergangenen Sonntag im Evangelium vernommen haben, wird im heutigen Evangelium fortgesetzt. Da erklrt Jesus seinen Jngern, aus- gehend von zwei eindrucksvollen Bildern, wie sie sich in seiner Nachfolge zur Welt ver- halten sollen, zur Welt, in der sie leben. Und er ermahnt sie, und mit ihnen ermahnt er uns, wie das Salz und wie das Licht in der Welt zu wirken. Wir sollen ihn selber darin nachahmen. Wie es immer geschieht bei ihm, so artikuliert er auch hier in seinen Worten sein eigenes Leben.

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Das Salz hat eine zweifache Aufgabe: Es soll die Speisen wrzen und konservieren. Es verleiht ihnen Geschmack, es gibt ihnen die Essenz, und zugleich hat es konservierende Kraft, bewahrt es vor Fulnis und Verwesung. Dabei ist es unscheinbar, wirkt es aber mit groer Kraft, wenn es da ist, gleichsam geheimnisvoll.

Analog dem Element des Salzes sollen wir durch unser Zeugnis fr Christus und seine Botschaft, wie sie heute in der Kirche geglaubt und verkndet wird, die Welt wrzen und konservieren, sie schmackhaft machen fr Gott und sie vor der Fulnis bewahren. 

Wir sollen die Welt mit der Wahrheit des Evangeliums und mit unserem Leben gem dem Evangelium so durchdringen, dass die Menschen davon gleichsam angesteckt und Gott wohlgefllig werden, damit sie nicht der Fulnis verfallen und zugrunde gehen. Durch uns, durch die Glubigen, sollen das Wort und die Gnade Gottes in der Welt wirksam werden und  ihre Kraft darin entfalten.

Wer wollte nicht sehen, dass das Salz vieler Christen unter diesem Aspekt schal gewor- den ist, dass viele von uns sich der Welt angepasst haben, dass die Kirche und wir mit ihr unendlich viel verloren haben, dass das Wirken der Kirche in unserer Welt sehr schwach geworden ist, dass das Wort und die Gnade Gottes sich immer weniger entfalten in unse- rer Welt?

Wir mssen ehrlich sein und es zugeben, dass die Prsenz, die Gegenwart der Kirche, in unserer Welt einfach blass und fad geworden ist. Daher haben Auenstehende heute eher Mitleid mit ihr als Respekt vor ihr.

Im Chor der Meinungen spielt sie kaum noch eine Rolle, zum einen, weil ihre Stimme nicht gehrt wird, zum anderen, weil es im allgemeinen nur noch wenige gibt, die eine klare berzeugung haben und die den notwendigen Mut haben, fr die Wahrheit Gottes und fr Gottes Rechte kompromisslos einzutreten.

Darum hat auch unsere Welt heute weithin ihre Essenz verloren, darum schreitet der Prozess der inneren Fulnis heute auch in der Welt fort. Das aber ist unser aller Schuld. Wir sind wie schales Salz geworden, weil unser Glaube so schwach ist, weil unsere Trg- heit so gro ist, weil wir uns so sehr angepasst haben an die Welt und weil unser Chri- stentum weithin seine Konturen verloren hat. 

Es gibt indessen keine Alternative: Wenn wir die Welt nicht wrzen mit der Wahrheit des Evangeliums und wenn wir sie nicht konservieren durch die Gnade Gottes und durch die Erfllung seines heiligen Willens, dann wird sie keine Zukunft haben, dann wird sie sich zugrunde richten. Daher ist die Verantwortung gro, die wir tragen, nicht nur fr unser persnliches Leben, auch fr die Welt, in der wir leben. Und wir mssen uns fragen: Wie wollen wir einst als schales Salz vor Gott bestehen?

Christus erlutert unsere Berufung und unsere Verantwortung in diesem Evangelium noch durch ein weiteres Bild, wenn er uns als das Licht der Welt bezeichnet.

Auch das Licht hat eine zweifache Funktion, hnlich wie das Salz. Wie das Salz wrzt und konserviert, so kommt es dem Licht zu, zu leuchten und zu wrmen. Es zeigt uns den Weg in der Dunkelheit, es bewahrt uns vor Fehltritten, und es gibt uns, wenn es in der Ferne leuchtet, neue Hoffnung, wo immer wir den rechten Weg verloren haben, und - es schenkt uns Geborgenheit. Diese zweifache Funktion bt das Licht nicht fr sich aus, son- dern immer fr seine Umgebung. Das Licht ist damit ein Bild fr die Wahrheit Gottes, die wir sichtbar machen, und fr seine Liebe, mit der wir die kalte Welt erwrmen sollen. 

Whrend das Salz unscheinbar ist und im Verborgenen wirkt, wird das Licht von allen gesehen, und alle streben ihm entgegen. Im Licht erkennt man die Wirklichkeit, und das Licht verbreitet Wrme und Leben. Das Urbild des Lichtes ist die Sonne. Mit ihr vergleicht sich Christus selbst, wenn er sich als das Licht der Welt bezeichnet. Wenn wir nun Licht sein sollen in der Welt, wie er das Licht der Welt ist, dann geht es darum, dass wir in seiner Nachfolge die Dunkelheit des Irrtums vertreiben und die Klte der auf das eigene Ich fixierten Stumpfheit und Interesselosigkeit berwinden. Der Nacht und der Klte, der Dunkelheit und dem Tod sollen wir das Licht und das Leben, die Wahrheit und die Liebe entgegensetzen. Wir sollen in der Dunkelheit den Menschen den Weg zeigen und den Verirrten Hoffnung geben.

Das muss geschehen durch unser Zeugnis fr Gott, der sich in Christus geoffenbart hat und der in seiner Kirche fortlebt in dieser Welt, in Liebe zu Gott, zu Christus und seiner Kirche.

Unser Zeugnis kann verschiedene Gestalt annehmen. Es kann sich darin zeigen, dass wir uns nicht einer unchristlichen Welt anpassen und die Wahrheit dem Kompromiss opfern, und dass wir dem Meinungsterror unserer Zeit trotzen. Es kann sich auch darin zeigen, dass wir das Kreuz des Alltags tragen, ohne zu klagen, nicht in der Kraft von Menschen, sondern in der Kraft des Kreuzes Christi, wie es in der Lesung heit. Unser Zeugnis kann aber auch die Gestalt der Liebe zu den Armen haben, zu jenen, die arm sind an Brot, an Weisheit und an Liebe.

Es gibt nicht nur die Dunkelheit in unserer Welt, die dazu gefhrt hat, dass viele die Orientierung verloren haben, es gibt auch nicht weniger Irrlichter in ihr, die sie ins Ver- derben locken.

Da ist der extreme Individualismus, der sich heute breit macht und schon beinahe zu einer Weltanschauung geworden ist, da ist die erschreckende Verantwortungslosigkeit so vieler und der grausame Egoismus, in dem der Einzelne tut, was ihm passt, was ihm Spa macht, und sich von niemandem etwas sagen lsst. Da ist auf der anderen Seite aber auch jene Haltung, die sich nicht weniger ausbreitet, die den Einzelnen in seinem Person- sein auslscht und ihn dem Kollektiv, der Klasse, der Ideologie, und utopischen Zukunfts- trumen zum Opfer bringt.

Whrend wir heute das gigantische Drama der Verwandlung einer christlichen Welt in eine unchristliche gottlose Welt erleben, ist die Mahnung Christi an seine Jnger, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein,  um so aktueller, wird diese seine Mahnung ge- radezu zu einer Frage auf Leben und Tod fr uns alle. 

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Was in den beiden Bildern, in den Bildern vom Salz und vom Licht, angesprochen wird, das ist unsere Berufung, die aus der Taufe und aus der Firmung hervorgeht.

Salz der Erde sollen wir sein, das heit: wir sollen unsere Welt fr Gott wertvoll machen, dass er sich nicht von ihr abwendet, wie wir uns von einer faden, ungeniebaren Speise abwenden, und wir sollen unsere Welt vor der Fulnis bewahren, damit sie sich nicht sel- ber zugrunde richtet.

Und: Licht der Welt sollen wir sein, das heit: in der Dunkelheit den Mitmenschen den Weg zeigen und den Verirrten neue Hoffnung schenken, und das in groem Verantwor- tungsbewusstsein.

Eine gottlose Welt ist das Versagen der Christen, nicht nur, aber zu einem wesentlichen Teil. 

Wir sind Salz und Licht, wenn wir das Evangelium bezeugen durch die Wahrheit und die Liebe Christi, wenn wir durch unser Wort und durch unser schlichtes und bescheidenes Tun des Guten Gott eine Stimme verleihen in dieser unserer Welt. Amen.

 

 

Predigt zum 4. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 30. Januar 2005 
in Freiburg, St. Martin

Die acht Seligpreisungen sind das Tor zur Bergpredigt, die uns auf den Hhenpfad des christlichen Lebens fhrt. In der Bergpredigt haben wir eine Zusammenstellung von grundlegenden Jesusworten, die uns die neue Gerechtigkeit erlutern. Die Weisungen der Bergpredigt sind nicht die einzigen des Evangeliums, sie mssen im Zusammenhang mit den brigen gesehen werden, aber sie nehmen einen hervorragenden Platz ein. In den acht Seligpreisungen werden uns jene geistigen Grundhaltungen vorgestellt, die die Einzelfor- derungen des Christenlebens zum Leuchten bringen und ihre innere Einheit sichtbar machen. Sie erinnern uns daran, dass es im Christentum zunchst auf die Gesinnung an- kommt, dass das uere Tun zwar nicht unwesentlich ist fr den Christen, das es hinzu- kommen muss zu der Gesinnung, dass es aber wertlos ist vor Gott, das uere Tun, ja, dass es ein rgernis ist fr Gott und fr die Menschen, wenn es nicht Ausdruck der inneren Einstellung ist, wenn es nicht von der rechten Gesinnung getragen wird. Darum geht es Jesus, um die rechte Gesinnung, in den mannigfachen Auseinandersetzungen mit den Pharisern, die das Heil von der ueren Erfllung des Gesetzes erwarteten und den Gotteswillen in verhngnisvoller Weise veruerlicht hatten. Jesus will nicht das Innen gegen das Auen ausspielen, sondern fr ihn gehrt beides zusammen. 

An die Bedeutung der Gesinnung fr das christliche Handeln erinnern uns die acht Selig- keiten. Wir knnen sie in ihrem konkreten Sinn aber am besten verstehen, wenn wir die ersten Vier zusammenfassen und die vier Folgenden dann als eine Weiterfhrung erken- nen. 

*

Die Armen, die Trauernden, die Sanftmtigen und die Hungernden, das sind zunchst nicht die Demtigen und Einfltigen, wie es oft gesagt wird, sondern die anawim - so das hebr- ische Wort - die anawim des Alten Testamentes, das sind die Habenichtse, die Unbe- gterten, die als solche zurckgesetzt und unterdrckt wurden und waren. Im Verstndnis des Alten Testamentes waren sie jedoch die eigentlich Frommen, die ihr gedrcktes Los zum Anlass nahmen, sich ausschlielich an Gott zu halten und ausschlielich von ihm allein das Heil zu erwarten. Das heit nicht, dass alle Armen fromm waren, aber sie wurden die Re- prsentanten der wahren Frmmigkeit, der Hingabe an Gott, so wie die Reichen und Mchtigen die Reprsentanten der Gottlosigkeit wurden, was wie- derum nicht heit, dass alle Reichen gottlos waren.

Jesus mag bei den ersten vier Seligpreisungen, wenn er von den Armen, den Trauern- den, den Sanftmtigen und den Hungernden spricht, auch an das physische Elend ge- dacht haben, das eben oft ein guter Nhrboden fr die Frmmigkeit ist, aber mit diesen vier Gruppen meint er im Grunde die, die sich an Gott halten, die von ihm das Heil erwar- ten. Natrlich gehren dazu auch die Demtigen und Einfltigen. Aber der Akzent liegt bei den ersten vier Seligpreisungen auf der Frmmigkeit, der Hingabe an Gott, der Offenheit fr Gott und der Relativierung der vergnglichen Welt. Diese Haltung wird der, der an der Schattenseite des Lebens angesiedelt ist, eher verwirklichen, wenn auch nicht unbedingt. Dass das nicht immer so ist, das erfahren wir heute tagtglich, da der Neid, der soziale Neid, zum entscheidenden Lebenselement vieler geworden ist.

Die Armen Israels, die anawim, werden bei dem Propheten Jesaja die Trauernden ge- nannt (Jes 61,1 f). Ihnen wird das Heil verheien, weil sie ihr Schicksal in die Hand Gottes legen. Ihre Trauer grndet zunchst in ihrem faktischen Elend, sie wird dann aber zur Offenheit fr Gott, zur Hingabe an ihn. Gewiss schwingt in dieser Trauer auch die Trauer ber das Bse in der Welt und im eigenen Leben mit, aber das Entscheidende ist, dass hier die Unvollkommenheit der Welt zum Anlass wird, sich auf die Ewigkeit hin auszu- richten. 

Die Armen Israels werden im Alten Testament nicht nur als die Trauernden geschildert, gleichzeitig sind sie auch die Sanftmtigen. Als solche begehren sie nicht auf gegen ihr Geschick, in Geduld setzen sie ihre Hoffnung auf Gott. Auch der Messias wird im Alten Testament als sanftmtig vorherverkndigt (Zach 9,9).

Die Armen, die Trauernden und die Sanftmtigen werden endlich auch als die Hungern- den bezeichnet. Sie sind nicht satt und nicht selbstzufrieden, um ihrer Armut willen haben sie sich die Sehnsucht bewahrt. Die uere Not hat sie vor der geistigen Saturiertheit be- wahrt, und sie ist ihnen zum Anlass geworden, die Ewigkeit hher einzuschtzen als die Zeitlichkeit. Das unterstreicht der Evangelist Matthus, wenn er von dem Hunger nach der Gerechtigkeit spricht, denn die Gerechtigkeit ist im Alten Testament der Inbegriff der Frmmigkeit.

Die Armen, die Trauernden, die Sanftmtigen und die Hungernden, sie ben die Hingabe an Gott, die wahre Frmmigkeit, sie verachten die Welt in einem guten Sinne und setzen ihre Hoffnung ganz auf die Ewigkeit.

Die Barmherzigkeit, die fnfte der acht Seligpreisungen, hat schon sehr tiefe Wurzeln im Alten Testament und im Judentum. Faktisch war sie ein unterscheidendes Merkmal zwi- schen Israel und den umliegenden Vlkern. Bei dem Propheten Micha heit es: Das verlangt Jahwe von dir: Die Gerechtigkeit zu ben und die Barmherzigkeit zu lieben und in Demut zu wandeln mit deinem Gott (Mich 6,8). Die Barmherzigkeit meint die Hinwen- dung zum leidenden Menschen, die Hinwendung zum krperlichen und seelischen Leid in unserer Umgebung. Das grte Leid ist aber - jedenfalls objektiv betrachtet - die Unwi- ssenheit. Das Gegenteil von der Barmherzigkeit ist die Hartherzigkeit, die sich oft mit der Selbstgerechtigkeit verbindet. Die Hartherzigkeit und die Selbstgerechtigkeit bestimmen eher das Klima in unserer Zeit als die Barmherzigkeit und das Erbarmen. Das kann uns kaum entgehen.

Die Herzensreinheit, die sechste der Seligpreisungen, meint auch die Tugend der Keusch- heit, die eine wichtige Rolle im Hinblick auf das sittliche Leben der Menschen spielt, in erster Linie meint sie jedoch die Geradheit, die Aufrichtigkeit, die Lauterkeit der Gesin- nung, die sich dann freilich vor allem im Bereich des Geschlechtlichen zu bewhren hat.

In der siebenten Seligpreisung geht es um die Friedfertigkeit, die zum Nachgeben, zum Erdulden und zum Verzeihen bereit ist, die aber auch den Frieden stiftet, indem sie die Gegenstze zwischen den Menschen ausgleicht. Gott ist ein Gott des Friedens, schon im Alten Testament, und der Messias wird dort als Friedensfrst angekndigt.

Die achte Seligpreisung knpft endlich wieder an die ersten vier Seligpreisungen an: Wer in der Hingabe an Gott lebt, wer von ihm das Heil erwartet, wer die Bedeutung dieser Welt relativiert, der erregt den Hass der Gottlosen, notwendigerweise, weil er sie ins Un- recht setzt, der ist aber auch bereit, Verfolgung auf sich zu nehmen um der Wahrheit und um der Gerechtigkeit willen. So war es bei Jesus, so ist es bei seinen Jngern. Sie er- weisen sich aber gerade in ihrer Teilnahme am Schicksal des Meisters als seine wahren Jnger. 

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Die acht Seligpreisungen, das Eingangstor zur Bergpredigt, zeichnen die Grundhaltun- gen, die notwendig sind fr das Heil, fr das zeitliche und fr das ewige. Sie sind so etwas wie das Vorzeichen vor der Klammer unserer christlichen Taten. Sie bringen die Einzelfor- derungen des Christenlebens zum Leuchten und machen ihre innere Einheit sichtbar. 

Wahre Frmmigkeit, das heit: Hingabe an Gott oder Verachtung der Welt in einem guten Sinn - gemeint ist da die Relativierung dieser unserer Welt-, Erbarmen mit den Menschen in Not, Reinheit als Lauterkeit, als Respekt vor den Dingen und vor dem Menschen, Friedfertig- keit als Geduld und Vershnungseifer und endlich Tapferkeit als Bereitschaft, fr die Wahr- heit und fr das Gute oder fr die Gerechtigkeit Verwundungen einzustecken, ja, notfalls den Tod auf sich zu nehmen. Aus einer solchen Gesinnung mssen die einzelnen christlichen Taten hervorgehen.

Es gilt, dass wir in dieser Welt in der Hoffnung leben. Die Hoffnung richtet sich auf die Zu- kunft. Aber gerade sie, die Zukunft, ist die Dimension, die uns beflgeln muss in unserem Denken wie auch in unserem Handeln. Amen.

 

Predigt zum 3. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten in Freiburg, St. Martin,
am 23. Januar 2005 

Das Evangelium des heutigen Sonntags schildert uns den Anfang des Wirkens Jesu, wie er begonnen hat als das ersehnte Licht, worauf die Jahrhunderte gewartet hatten, wie er zur Umkehr aufgerufen hat und wie die ersten Jnger ihm gefolgt sind. Was ist daraus ge- worden, aus diesem verheiungsvollen Anfang? Viele grere und kleinere Gemein- schaften, Spaltungen und Gruppierungen. Wir gehren der grten christlichen Gemein- schaft an. Mehr als die Hlfte aller Christen gehrt zu uns. Aber das ist auch nur ungefhr jeder sechste Bewohner dieser Erde. Die Christenheit bildet in ihrer Gesamtheit ungefhr ein Drittel der Menschheit. Die Zahl der Katholiken ist gro, aber wie viele gehren nur dem Namen nach dazu? Wie viele haben eigentlich immer nur dem Namen nach dazugehrt, und wie viele sind ihrer groen Berufung im Herzen schon lange untreu geworden in einer geistigen Atmosphre, die wie vergiftete Luft wirkt.

Am kommenden Dienstag geht die Weltgebetswoche fr die Einheit der Christen zu Ende, die am vergangenen Dienstag begonnen hat. Das ist Grund genug fr uns, dass wir uns heu- te morgen fragen, was mit diesem Gebetsanliegen gemeint ist und war wir dafr tun knnen.

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Was ist damit gemeint, mit diesem Gebetsanliegen? - Jesus hat eine einzige Kirche ge- grndet, aber durch die Snde der Menschen sind immer neue Gemeinschaften entstan- den, die sich auf ihn berufen haben. Und das, obwohl Jesus seine Jnger geradezu be- schworen hatte, die Einheit zu wahren und in der Verkndigung und in der Verteidigung der Wahrheit zusammenzustehen.

Zweimal hat es einen groen Auszug aus der Kirche gegeben in ihrer beinahe zweitau- sendjhrigen Geschichte: Das eine Mal wenige Jahrzehnte nach dem Jahr 1000 - damals zogen die orthodoxen Christen aus der Kirche aus -, das andere Mal am Beginn des 16. Jahrhunderts - damals verlieen die reformatorischen Christen die Kirche.

Aus diesen neuen Gemeinschaften sind dann immer wieder neue entstanden, immer wieder gab es neue Abspaltungen, so dass man fast den Eindruck hat, dass man bestraft wurde mit dem, womit man gesndigt hatte.

Aber dieser zweifache groe Auszug, dabei ist es nicht geblieben: Von Anfang an gab es im- mer wieder Gruppen, die die grere Gemeinschaft verlieen mit dem Anspruch, in grerer Treue die Wahrheit Gottes zu vertreten und das Anliegen Jesu von Nazareth besser ver- standen zu haben. So gibt es heute ber 500 christliche Gemeinschaften oder Denominatio- nen, wie man im Englischen gern sagt, und wenn wir sie alle mitzhlen, auch die kleinen und die ganz kleinen, dann kommen wir auf mehr als 2000. Schuld daran sind nicht nur die, die ausgezogen sind, schuld daran sind auch die, die ihnen Anlass gewor- den sind, auszu- ziehen.

Der gemeinsame Nenner ist hier die Snde der Menschen, die immer wieder die Wahr- heit verdunkelte, aber auch der Stolz, der die Menschen immer wieder veranlasste, es besser wissen zu wollen als die berlieferung es wusste. In diese Snden sind wir alle verstrickt. Deswegen tragen wir alle Verantwortung fr die Einheit der Christenheit.

Nun drfen wir uns aber keinen Illusionen hingeben, als knnten wir die verlorene Ein- heit zurckgewinnen, als knnten wir sie je wieder herstellen, den Idealzustand des Anfangs. Wie die Snde zu unserem gefallenen Menschsein dazugehrt, die Verdunkelung der Wahrheit und der Stolz des Besserwissens, so wird es immer wieder Abspaltungen geben, und so wird man in der Trennung verharren bis zum Jngsten Tag. 

Dennoch kann es kleine Erfolge geben, Zusammenfhrungen, und wir knnen zusammen Zeugnis geben in der Welt in jenen Punkten, in denen wir uns einig sind. Dafr aber m- ssen wir uns einsetzen mit allen uns verfgbaren Krften.

Falsch wre es, ber die Unterschiede hinwegzugehen, von ihnen abzusehen, so, als ob niemand die Wahrheit Gottes kennen wrde oder so, als ob die Unterschiede nur in menschlichen Worten bestnden. Das ist heute nicht selten die Gestalt der kumene. Das ist dann allerdings eine kumene des Unglaubens. Eine solche kumene ist geradezu tdlich, nicht nur fr die Konfessionen, im Grunde auch fr das Christentum als solches. Wenn ich sage: Alle haben recht, so ist das das Gleiche, als wenn ich sagen wrde: Niemand hat recht, denn die Wahrheit kann nicht im Widerspruch zu sich selber stehen. Wrde diese Auffassung konsequent vertreten, so knnte man eh aufhren mit der kumene, denn in was soll man sich noch einig werden, wenn man sich schon einig ist oder wenn sich die Differenzen nur auf unwesentliche Aussagen beziehen wrden? Unwesentliche Differenzen kann man ohne- hin im Raum stehen lassen.

Das Ziel der kumene ist die eine Eucharistie in der einen Kirche, an deren Spitze Petrus steht, Petrus, der fortlebt im Papsttum. Daran geht kein Weg vorbei. Dabei kann man aber nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Wer meint, er knne es, der strzt dabei zu Boden.

Aber was knnen und mssen wir dafr tun, fr die kumene, fr die eine Christenheit? Zunchst das, was am Anfang des Wirkens Jesu steht: Wir mssen den Ruf zur Umkehr h- ren. Christus will in dieser Welt sichtbar sein durch die, die sich bekehren, jeden Tag aufs Neue, die seinen heiligen Willen erfllen und die ihm in Treue folgen. 

Sodann mssen wir in echter Toleranz den Andersglubigen begegnen. Toleranz bedeutet Liebe zum sich irrenden Menschen, nicht Gleichgltigkeit gegenber der Wahrheit. Unsere Liebe muss dem Menschen gelten, ja, allen Menschen muss sie gelten, niemals aber darf sie dem Irrtum gelten.

Wenn wir das verstanden und uns zu Eigen gemacht haben, knnen wir zusammenarbeiten mit solchen, die in Manchem oder gar in Vielem anders denken und anders glauben, dann knnen wir uns zusammen einsetzen fr das, was uns eint.

Wir knnen aber auch in der Begegnung mit den Andersdenkenden und mit den Anders- glaubenden unsere berzeugungen erklren und verteidigen, und vielleicht knnen wir sie dann auch selber wiederum besser verstehen. Auch das ist ein bedeutendes Anliegen des kumenischen Gesprchs.

Endlich erwartet Christus, der Herr der Kirche, von uns, dass wir beten um die Einheit, denn Gott muss sie uns schenken. Ja, das Gebet um die Einheit ist das Entscheidende berhaupt, das Gebet hben wie drben. Ein so groes Anliegen bersteigt unsere Mglichkeiten. Das II. Vatikanische Konzil nennt das Gebet um die Einheit die Seele der kumene. Es spricht dabei von dem geistlichen kumenismus.

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Das Gebet dispensiert uns jedoch nicht davon, dass wir mitwirken mit ihm. Das muss ge- schehen durch die Umkehr, die wir immer neu vollziehen mssen, durch echte Toleranz im Miteinander, durch die Zusammenarbeit und durch das Bekenntnis. Wir mssen tun, was wir knnen, unermdlich, damit, so drckt es das Johannes-Evangelium aus, die Welt glaube, dass Christus der Gottgesandte ist (Joh 17,21), damit die Einheit des Anfangs deutlicher her- vortritt, die Botschaft glaubwrdiger wird und immer mehr Menschen Gott die Ehre geben und darin ihr zeitliches und ihr ewiges Heil finden. Amen. 

 

 

Predigt zum 2. Sonntag im Kirchenjahr, gehalten am 16. Januar 2005
in Freiburg, St. Martin 
 

Der entscheidende Satz des Evangeliums ist die Begrung Jesu durch Johannes den Tufer: Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Snde der Welt. Mit diesem Satz wird in jeder heiligen Messe die Austeilung der heiligen Kommunion eingeleitet. Mit der Snde der Welt sind die Snden der Welt gemeint. Es gibt nicht nur eine Snde, die Snde im Singular steht fr das Ganze, fr alle Snden. So sagen wir auch zuweilen der Mensch und meinen damit alle Menschen. Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Snde der Welt, heit es im Evangelium. Jesus wird da als das Lamm Gottes be- zeichnet. Was das bein-haltet, darber wollen wir heute morgen einen Augenblick nach- denken. 

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Im Neuen Testament wird Jesus des fteren als das Lamm Gottes bezeichnet. Sehr hufig in der Geheimen Offenbarung, dort allein ber dreiigmal. Da wird er das makellose und unbe- fleckte Lamm genannt, vor dem die ltesten niederfallen, in dessen Blut die Gerechten ihre Kleider gewaschen haben, die dem Lamm folgen, wohin es geht, die zur Hochzeit des Lam- mes geladen sind. Da ist die Rede von der Braut des Lammes - das ist die Kirche -, von den Aposteln des Lammes und von seinem Thron. 

Fr die Juden war das Lamm das bedeutendste Opfertier. Tglich wurden im Tempel zu Je- rusalem zur Zeit Jesu und zur Zeit Johannes des Tufers zwei Lmmer geschlachtet und Gott dargebracht in einem feierlichen Opfergottesdienst. Ein besonders festliches Opferritual ver- banden die Juden damals mit dem Schlachten des Osterlammes, das sie in den Husern schlachteten und anschlieend unter Gebet verzehrten. Sie dachten dabei an jenes Opfer, das ihre Vorvter einst vor dem Auszug aus gypten, 1300 Jahre vor Christus, dargebracht hatten. Damals hatten sie das Blut des Lammes an die Trpfosten gestrichen, um vor dem Wrgengel bewahrt zu werden, um nicht der gleichen Strafe zu verfallen, der Gott die gyp- ter damals unterwarf. Die Darbringung des Osterlammes und die Feier des Auszugs aus gypten waren der religise Hhepunkt des Jahres fr die Juden zur Zeit Jesu und zur Zeit Johannes des Tufers. Wer es eben ermglichen konnte, pilgerte zu den sterlichen Festta- gen sogar nach Jerusalem. 

Das alles hatte der fromme Israelit vor Augen, wenn von dem Lamm die Rede war. Er dachte an die beiden Lmmer, die tglich im Tempel geschlachtet wurden, und an das Osterlamm, das alljhrlich geschlachtet wurde und an all das, was damit verbunden war. Zugleich aber war das Lamm fr ihn ein Sinnbild der Sanftmut und der Geduld.

Dann aber erinnerte er sich auch bei der Vorstellung des Lammes an den Propheten Je- saja. Dieser hatte einst, 700 Jahre zuvor, von dem leidenden Gottesknecht gesprochen - das war der Messias -, der wie ein Lamm zur Schlachtbank gefhrt werde (Jes 53). Diesen Gedanken hatte der Prophet Jeremia 100 Jahre spter wieder aufgegriffen. 

Wenn Jesus das Lamm Gottes genannt wird, so ist das von daher eine Anspielung auf seinen Kreuzestod, den er demtig und geduldig auf sich nahm, um in seinem Tod stellvertretend fr unsere Snden zu leiden und uns damit zu erlsen, das heit: mit Gott zu vershnen. Er hat die Snden aller Menschen getragen und geshnt, aller Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion oder der Nation. 

Die Vershnung, die Erlsung, gilt fr alle. Das heit aber nicht, dass damit alle gerettet sind. Ob die Erlsung wirksam wird, das hngt ab von unserer Lebensfhrung. In der Erlsung wirkt Gott mit dem Menschen zusammen. Gott gibt die Gnade, aber der Mensch muss sie er- greifen. Gott erspart ihm nicht die Mhsal des tglichen  Ringens.

Wenn Jesus als das Lamm Gottes bezeichnet wird, so ist das fr uns eine Erinnerung daran, dass er nicht einfach ein weiser Lehrer oder ein groer Prophet gewesen ist. So verstehen ihn jedoch viele. Konsequenterweise sehen sie im Christentum dann so etwas wie eine Welt- anschauung, eine bestimmte Weltdeutung, eine Philosophie, vielleicht auch nur eine unter vielen. Das ist jedoch falsch: Jesus ist mehr. Er ist fr uns zur Opfergabe geworden und hat uns mit dem Vater vershnt. Vershnung mit dem Vater aber setzt Entzweiung mit ihm vor- aus. Diese wird durch die Snde bewirkt. Die Vershnung mit dem Vater, sie muss nach dem Willen Gottes immer neu Wirklichkeit werden, deshalb, weil die Snde uns ein Leben lang begleitet. Daher hat Christus uns die heilige Messe geschenkt. Sofern diese ein Opfer ist, werden wir in ihr immer neu mit Gott vershnt, sofern sie ein Opfermahl ist, werden wir in ihr immer wieder mit Gott vereint.

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In der Heiligen Schrift ist aber nicht nur von dem einen Lamm Gottes die Rede, auf das Johannes verweist, Jesus bezeichnet auch seine Jnger als Lmmer, wenn er von sich als dem guten Hirten spricht und von den Schafen, die ihm folgen. Wir alle sind die Lm- mer, die der gute Hirt, weidet, die er seinen Aposteln anvertraut hat, deren Auftrag heute die Kirche im geistlichen Amt wahrnimmt, und wir werden wie Lmmer mitten unter die Wlfe geschickt. Wenn es so ist, dann mssen wir Christus, dem Gotteslamm, immer hn- licher werden, dann mssen wir uns um seine Geduld, um seine Sanftmut und um seinen Gehorsam bemhen, dann gilt es vor allem, dass wir uns Gott hingeben, uns ihm opfern, uns ihm als Opfer darbringen - wie Christus -, jeden Tag aufs Neue. Der Jnger ist nicht ber dem Meister (Mt 10,24; Lk 6,40). Und es steht fest: Nur so knnen wir die Erlsung empfangen und bewahren. Christus drckt das so aus: Wer mein Jnger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mt 16,24; Mk 8,34; Lk 9,23). 

Nicht nur er ist von daher das Lamm Gottes, wir alle sind es, sofern er unsere Nachfolge for- dert und sofern wir uns bemhen, dieser seiner Forderung Folge zu leisten. Daher darf und kann das Opfer nicht fehlen in unserem Leben. Amen.

 

 

Predigtgedanken zum 2. Sonntag im Kirchenjahr, zum 16. Januar 2005

Johannes der Tufer bezeugt Jesus als den Messias, wenn er ihn als das Lamm Gottes bezeichnet und ihm seine Jnger zufhrt. 

Das Zeugnis des Tufers bestand nicht nur in Worten. Er bekrftigte seine Worte durch sein Leben, in eindrucksvoller Weise. Darum musste man ihm Glauben schenken. Ja, bevor er redete, handelte er. Sein ganzes Leben gehrte Gott. Schwere Opferhatte er sich auferlegt, Werke des Verzichtes und der Selbstkasteiung, um ganz frei zu sein fr seine Berufung. Das Zeugnis des Johannes erinnert uns an das Zeugnis, das wir alle ablegen mssen. Dieses Zeugnis ist eigentlich ein bedeutendes Element unserer christlichen Berufung.

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Jesus selber hat sich wiederholt als einen Zeugen, als den Zeugen des Vaters im Himmel, bezeichnet, und die Jnger haben nach Ostern von ihm als dem treuen Zeugen Gottes ge- sprochen. Er aber hat seinen Jngern vor seiner Himmelfahrt den Auftrag gegeben, seine Zeugen zu sein bis an die Grenzen der Erde. Wie er Zeugnis abgelegt hatte von seinem Vater im Himmel, so sollten die Jnger nun Zeugnis ablegen von ihm. Gott braucht Zeugen in dieser Welt, weil wir ihn nicht sehen knnen, weil seine Worte sich auf unsichtbare Dinge beziehen. Das, was wir nicht sehen knnen, das muss bezeugt werden, das, wozu wir keinen unmittelbaren Zugang haben.

Daher gibt es den christlichen Glauben nur durch das Zeugnis. Und daher muss der, der zu ihm gekommen ist, ihn auch fr die anderen bezeugen. Im Grunde ist es so: Jede berzeu- gung bedarf des Zeugnisses, jede berzeugung muss bezeugt werden. Das gilt dann erst recht fr eine berzeugung, die auf dem Zeugnis Gottes beruht, auf einer Glaubensber- zeugung. Das Zeugnis fr Gott aber kann gefhrlich werden.

Johannes dem Tufer bringt es den Kerker und den Tod. Bei Jesus ist es nicht anders. Auch sein Zeugnis nimmt ein schreckliches Ende. Nicht anders war das bei seinen Jn- gern und vor allem bei seinen Aposteln. Und so ist es oft gewesen, und so wird es sein bis zum Ende der Welt. Das Zeugnis von Gott und seinen Worten und Taten kann in der Welt unangenehm werden, und es wird umso unangenehmer, je klarer und kompromissloser es sich darstellt. Es kann uns krperliche und seelische Leiden bereiten, Verkennung, Ver- achtung und groe Unannehmlichkeiten, bis hin zu Verfolgung und Tod.

Das griechische Wort fr Zeugnis lautet martyra, bezeugen heit martyren im Grie- chischen, und der Zeuge ist der marts. Davon ist unser deutsches Wort Mrtyrer abge- leitet. Das Zeugnis ist also eine gefhrliche Sache, unter Umstnden.

Gbe es mehr Zeugen in der Kirche, die Kirche wre strker, sie knnte besser berzeugen als sie es heute kann. Wenn sie heute sichtlich  schrumpft, so geschieht das deshalb, weil es in ihr an Zeugen fehlt. Sie hat viele - so knnte man sagen - Brokraten, aber nur wenige Zeugen. Und die Zeugen, die sie hat, wren sie so glaubwrdig wie der Tufer, es wrde anders aussehen in Kirche und Welt.

Wir sind Zeugen Gottes und Zeugen Christi und seiner Kirche, wenn wir unsere ber- zeugung nicht verbergen  und wenn wir ihr entsprechend leben.

Johannes der Tufer bezeugt Jesus als das Lamm Gottes. Damit spielt er an auf dessen Tod am Kreuz. Damit sagt er: Dieser ist der Messias, er ist der Sohn Gottes, der Erlser, ihm m- ssen alle folgen, auf ihn mssen allehren. Und - konsequenterweise - fhrt er seine Jn- ger, seine Anhnger, zu Christus. Darum geht es im Zeugnis, das gilt auch fr uns: Wie Jo- hannes mssen wir die Menschen zu Christus fhren, zu seinem Wort und zu seiner Wei- sung. Er muss der Herr in unserem Leben und im Leben aller Menschen  sein.

Allein, wir knnen nicht von Christus reden, ohne auch von seiner Kirche zu reden. Zeugnis fr Christus ablegen heit auch Zeugnis ablegen fr seine Kirche. Die Kirche ist nm-lich der fortlebende Christus. Sie sagt uns, was Christus meint. Sie ist heute der Mund des unsicht- baren Christus. In ihr lebt die Wahrheit Christi fort, ob wir das wahr haben wollen oder nicht, sie ist der Hort der Botschaft Gottes an die Menschheit. In ihr ist nicht nur alle Wahrheit Gottes, in ihr ist auch alle Gnade Gottes, und andere Institutionen knnen daran nur partizi- pieren, mehr oder weniger.

Nun ist es so, dass viele nicht nur ihrer Verpflichtung zum Zeugnis, zum Zeugnis durch das Wort und durch das Leben, nicht nachkommen, im Gegenteil: Viele bezeugen gar den Irr- tum und die Lge. Und dadurch strzen sie viele in die Verwirrung, in die Unordnung und in die Gottesferne. Immer ist es so, dass die Lge nicht so anstrengend ist wie die Wahr- heit. Stets schmeichelt sie unserer Bequemlichkeit und unserer Trgheit.

Zeugnis ablegen fr Christus und seine Kirche, das bedeutet heute: Zeugnis ablegen fr die Vorrangigkeit des Gebetes, fr die berwindung der Lauheit und Gleichgltigkeit, fr die berwindung der Anpassung an den Zeitgeist und der Verantwortungslosigkeit. 

Johannes der Tufer bezeugt Christus als das Lamm Gottes. Auch darin mssen wir es ihm gleichtun. Das bedeutet, dass wir ihn nicht nur als den Herrn der Welt bezeugen, sondern auch als den Erlser, als den am Kreuz Gestorbenen. Das erinnert uns daran, dass Leid und Schmerzen zu unserem Leben dazugehren, dass sie uns und der Welt zum Heil gereichen, wenn wir sie in der rechten Gesinnung tragen.

Es gibt fr uns nur einen Weg zu Gott, nur einen Weg zur vollkommenen und vollendeten Freude, das aber ist der Weg des Kreuzes, in der Nachfolge des Gekreuzigten.

Das Streben nach vordergrndigem Genuss, das fr allzu viele von uns bestimmend ist, fhrt uns in die Gottesferne und damit ins Verderben.

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Gott braucht Zeugen, weil das Unsichtbare bezeugt werden muss. Das Zeugnis des Wortes bedarf der Bekrftigung durch das Leben. Diese Bekrftigung ist nicht mglich ohne eine gewisse Hrte gegen uns selbst. Das lehrt uns das Zeugnis des Tufers. Es verlangt aber auch Mut und Konsequenz, das Zeugnis fr Gott, fr Christus und fr seine Kirche.

Der Gegenstand unseres Zeugnisses ist Christus, der Sohn des ewigen Gottes, der Herr der Welt und der Erlser, der seine Wahrheit der Kirche anvertraut hat.

Menschen zu Gott, zu Christus und zu seiner Kirche fhren, das ist ein bedeutendes Ele- ment unseres Christenlebens. 

Damit erweisen wir den Menschen und der Welt den grten Dienst, den wir ihr erweisen knnen, damit eifern wir dem nach, den die Heilige Schrift den treuen Zeugen Gottes nennt. Amen.

 

 

Predigt zum Fest der Taufe des Herrn, gehalten am  9. Januar 2005 
in Freiburg, St. Martin 

Das Fest der Taufe des Herrn, das wir heute, am Sonntag nach dem Fest der Erscheinung des Herrn, feiern, wird erst seit dem II. Vatikanischen Konzil als eigenes Fest gefeiert. Das Fest wurde eingefhrt, weil man die Bedeutung der Taufe Jesu strker hervorheben woll- te. In den Evangelien ist sie ein sehr bedeutsames Ereignis. Alle vier Evangelien berich- ten von ihr, die drei ersten direkt und sehr ausfhrlich, das Johannes-Evangelium indirekt. 

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Jesus stellt sich am Beginn sein ffentlichen Wirkens in die Reihe der Snder, wenn er die Butaufe des Johannes empfngt, eine Stimme vom Himmel bezeichnet ihn jedoch als den Sohn Gottes. Das heit: Jesus erniedrigt sich, Gott aber erhht ihn, und er ver-herrlicht ihn, indem er ihn als den Sohn, als seinen geliebten Sohn bezeugt. Nicht nur der Vater hat ihn als seinen Sohn bezeugt, immer wieder aufs Neue, dieser Jesus hat sich auch selbst bezeugt als den Sohn Gottes, in seinem ganzen Erdenleben, in all seinen Worten und Taten. Er hat ein ganz tiefes und inniges Verhltnis zu seinem Vater im Himmel gehabt, und er hat mit gttlicher Vollmacht gelehrt und auch gewirkt. Davon zeugt jeder Vers der Evangelien. Er hat ganz fr seinen Vater gelebt. Seine Speise war es, dessen Willen zu erfllen bis zum letzten Augenblick seines irdischen Lebens - und dazu noch in seinem Tod. Sein Erdenleben hatte keinen anderen Sinn als den, dass er den Auftrag des Vaters in dieser Welt erfllte und dass er ihn bei den Menschen bezeugte und dass er ihnen die Liebe des Vaters verkndete.

Von alters her hat man Jesu Taufe als Typos, als Vorbild fr unsere Taufe verstanden, wenn- gleich die christliche Taufe etwas gnzlich anderes ist als die Johannestaufe. Sie, die Johan- nestaufe, war nur ein Zeichen der Bue, somit auch die Taufe Jesu. Dennoch hat man sie von alters her als Vorbild fr unsere Taufe verstanden. Schon immer sah man in ihr so etwas wie ein Vorausbild der christlichen Taufe, einen Hinweis auf das, was in der sakramentalen Taufe geschieht: In ihr werden wir Kinder Gottes, Shne und Tchter Gottes. In der Taufe werden wir das durch Adoption, was Christus natrlicherweise ist. Wir erhalten ein neues Le- ben, werden in eine neue Familie hineingeboren - in die Familie Gottes. Daran soll uns der Taufname erinnern, der sinnvoller Weise der Name eines Heiligen, nicht irgendeines Ro- manhelden ist, der weder Vorbild sein kann noch einen Bezug zum Christentum hat. Frher, als die Erwachsenentaufe noch die Regel war, wurde der alte Name, den man bisher getra- gen hatte, durch einen neuen Namen ersetzt, wie man noch heute vielfach beim Eintritt in einen Orden einen neuen Namen erhlt. Dem liegt das Bewusstsein zugrunde: der Name ist mehr als nur eine uerlichkeit, er steht fr die Person und soll fr sie so etwas sein wie ein Lebensprogramm. Hier ist an die Verehrung des Namenspatrons zu erinnern und an die besondere Nachahmung dieses Heiligen durch den Trger seines Namens, was heute bei den Getauften - leider - nur noch selten der Fall ist. 

Die Taufe ist mehr als nur die Aufnahme in die Kirche, wie es oft dargestellt wird. Sie schenkt uns ein neues Leben. Sie nimmt uns auf in die Familie Gottes. Sie ist eine Adop- tion, eine Annahme an Kindes statt, eine gnadenhafte Erhhung unseres natrlichen Le- bens. Von daher lst sich auch die heute zuweilen diskutierte Frage, ob Kindertaufe oder nicht, ob und wann man die Kinder taufen soll. Weil die Taufe uns in die Familie Gottes aufnimmt, deshalb muss sie mglichst bald vollzogen werden. Christliche Eltern knnen nichts Besseres tun fr ihre Kinder als das. 

Aber jede Gabe ist zugleich Aufgabe. Das gilt fr unser natrliches Leben, das gilt auch fr unser bernatrliches Leben. Adel verpflichtet, sagt das Sprichwort. Sind wir Shne und Tchter Gottes, so ist es unsere Aufgabe, dass wir uns als solche bewhren. Gehren wir zur Familie Gottes, so mssen wir uns entsprechend verhalten, so drfen wir den Namen dieser Familie nicht entweihen oder entehren oder beschmutzen. Der Mastab fr unser Verhalten ist Jesus, der natrliche Sohn Gottes. Wie man es seinem Leben ansehen kann, dass er der Sohn des ewigen Vaters ist, so muss man es auch dem unseren ansehen knnen, wohin wir gehren, welche neue Qualitt uns zuteil geworden ist. Wie wir als Getaufte leben mssen, das zeigt uns also der menschgewordene Sohn des Vaters. Wie fr ihn der Wille des Vaters die Grundlage seines Lebens war, so muss auch unser Leben zunchst und vor allem vom Gehorsam Gott gegenber bestimmt sein. Wie bei ihm das Ja seines Vaters zu ihm die Grundlage seines Selbstbewusstseins gewesen ist und ihm Sicherheit gegeben hat bei allen Anfeindungen seiner Person und seines Tuns, so muss dieser sein Vater, der auch der unsere ist, auch unsere Kraft sein und uns ein gesundes Selbstbewusstsein schenken. Wie Jesus sein Sohnesbewusstsein gelebt hat, so drfen und mssen wir auch das unsere leben, das heit: Wir drfen und mssen fr den Vater leben und in ihm Geborgenheit, Sicherheit, Ver- trauen und Unbeugsamkeit finden in unserem Leben. Daran werden wir immer wieder er- innert, wenn wir das Gebet des Herrn beten und den ewigen Gott als unseren Vater anspre- chen.

Fr Gott leben, das meint: Fr seine Rechte eintreten, sich auf die Ewigkeit hin orientieren, dem Bsen die Maske vom Gesicht reien, dem Bsen in uns und um uns, das bedeutet: seinen eigenen Weg gehen, sich nicht bestimmen lassen durch das Diktat der Masse, sich aber auch nicht ngstigen lassen durch Verfolgung und Verleumdung, durch Missachtung und Verachtung.

Die Taufe, die wir empfangen haben, ist fr uns eine groe Berufung und eine unermess- liche Gabe, eine Gabe, die uns zutiefst verpflichtet in unserem Leben. Durch den Sohn Gottes sind wir Shne Gottes geworden. Ist er natrlicherweise der Sohn, so sind wir es durch Adoption. Dabei gilt, dass wir das, was wir sind, Shne und Tchter Gottes, mehr und mehr werden mssen - in einem lebenslangen Prozess.

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Das Geheimnis der Taufe steht in einem tiefen Bezug zum Weihnachtsgeheimnis, das sich auf die kurze Formel bringen lsst: Gott wurde ein Mensch, damit wir Kinder Gottes, Sh- ne und Tchter Gottes werden knnten. In der Taufe wurde das weihnachtliche Licht in uns ent- zndet. Was der Gottmensch wesenhaft war, das wurden wir durch die Aufnahme in die Familie Gottes. Das weihnachtliche Licht ist im Grunde identisch mit der Gnade der Taufe. Es ist an uns, dass wir es nicht verlschen lassen, dieses weihnachtliche Licht in uns. Aber nicht nur das. Es gilt auch, dass es durch unser Bemhen immer heller wird und dass es so immer mehr die Dunkelheit in dieser Welt vertreibt. 

Thomas von Aquin hat im 13. Jahrhundert die Taufe als den Anfang des ewigen Lebens bezeichnet. Das ist ein tiefer Gedanke.

Die Taufe Jesu ermahnt uns, dass wir nicht nur Namenschristen oder Taufscheinchristen sind, dass wir vielmehr das Taufbewusstsein pflegen, dass wir bedenken, was wir sind, dass wir das Fundament unseres Christenlebens stets vor Augen haben und es vertiefen und festigen durch unser fortwhrendes Bemhen um die Gemeinschaft mit Gott, unserem Vater, und durch das Bemhen um die Wahrheit und um das Gute. Es gilt, dass wir fr die Wahrheit eintreten und sie den Menschen sagen und dass wir das Gute tun, auch da, wo es mhsam ist und keine Anerkennung findet bei den Menschen. Amen. 

 

 

Predigt zum Fest der Erscheinung des Herrn, gehalten am 6. Januar 2005 
in Freiburg, St. Martin 

Die Weisen aus dem Morgenland - Magier werden sie auch genannt oder Sterndeuter - la- ssen sich fhren von Gott, sie beten ihn an, wo er sich ihnen zeigt, und bringen ihm ihre Gaben dar. 

Sie haben den Mut, anders zu sein als die anderen, als ihre Zeitgenossen. Sie durchbre- chen die engen Grenzen ihres eigenen Ich, seiner Erwartungen und Bedrfnisse, und geben Gott die Ehre. Sie begngen sich nicht mit dem grauen Alltag, mit dem, was ihre leiblichen Augen sehen, sie suchen das grere Leben, das nicht mit dem Tod zu Ende geht, jenes Leben, das den irdischen Tod berdauert. Sie wissen um die Ewigkeitsbedeutung unseres irdischen Lebens. Darum wagen sie den Aufbruch, darum verlassen sie die Heimat, um in ein fernes Land zu ziehen, wie einst Abraham im Gehorsam des Glaubens seine Heimat ver- lassen hat. 

Die Weisen aus dem Morgenland lassen sich fhren von Gott, sie beten ihn an, wo er sich ihnen zeigt, und bringen ihm Gaben, sichtbare Zeichen ihrer Liebe und ihrer Anbetung. In- dem sie sich uns so darstellen, werden sie fr uns zu Lehrmeistern des Lebens, zu Lehr- meistern des christlichen Lebens. 

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Sie lassen sich fhren, die Weisen aus dem Morgenland, sie lassen sich fhren von Gott - ein erster Gedanke. Sie schauen nach oben, nicht nach unten, sie sehen nicht in erster Linie auf die Menschen und auf ihre eigenen Wnsche und Erwartungen. Sie fragen nicht die Men- schen, was sie tun sollen, erst recht lassen sie sich nicht von der ffentlichen Meinung be- stimmen, die von den Menschen gemacht wird, in der Regel nicht einmal von solchen, die ein besonderes moralisches Niveau haben. Es geht ihnen, den Weisen, aber auch nicht dar- um, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Sie suchen Gottes Weisungen zu erken- nen. Ihnen folgen sie, auch wenn das beschwerlich ist fr sie. Um ihretwillen nehmen sie die Mhe des Weges auf sich, die Mhe eines langen Weges. Dabei scheuen sie keine Anstren- gung und keine Gefahren, wenn sie nur den rechten Weg finden und das Ziel erreichen, das Gott ihnen gegeben hat. 

Schon an dieser Stelle mssen wir unser Versagen bekennen, mssen wir uns unserer Ab- hngigkeit von den Menschen, unseres Opportunismus, unserer Bequemlichkeit und unserer Trgheit anklagen. Wir sind immer geneigt, mehr auf die Menschen als auf Gott zu setzen. Auch lassen wir uns unser Christentum nicht gern etwas kosten. Wenn es etwas von uns verlangt, so sind wir versucht, es zu vergessen, uns davon abzuwenden. Aber auch an einem anderen Punkt unterscheiden wir uns von den Weisen und werden darin von ihnen be- schmt: Es fllt uns nmlich immer schwer, uns fhren zu lassen. Wir sind stets versucht, uns selber zu fhren, und wir trauen es uns zu, dass wir das knnen. Autonom wollen wir sein. Wir sind stets versucht, uns selber zu bestimmen, nicht zu hren, sondern zu reden. Immer wieder berschtzen wir uns, unsere Fhigkeiten und unser Wissen und unsere Krfte. Man hat von dem Freiheitswahn des modernen Menschen gesprochen, dabei freilich oft nicht be- dacht, dass uns dieser zum Verderben wird, notwendigerweise, und dass er uns schon oft zum Verhngnis geworden ist. Unser Lebensweg fhrt uns immer wieder in die Katastrophe, mehr oder weniger, wenn wir auf uns selbst und auf die Menschen unser Vertrauen setzen, wenn wir uns nicht von Gott und seinen Weg- weisern und von seinen Boten fhren lassen. Das mssen wir uns klar machen. Wenn wir  uns aber von Gott fhren lassen wollen, dann mssen wir bereit sein, durch unwegsames Gebiet zu gehen, durch tiefe Tler und ber ho- he Berge, dann mssen wir bereit sein, einen mhsamen Weg zu gehen. Das gilt fr den Einzelnen, das gilt aber auch fr die Vlker. Das gilt nicht zuletzt auch fr die Kirche als Ganze. 

Von den Weisen heit es, dass sie Gott anbeteten. In dem Kind von Bethlehem beten sie Gott an. Das heit: Sie erkennen, dass in diesem Kind Gott selber in die Welt gekommen ist und beten ihn an in ihm. Der Mensch will anbeten. Die Suche nach etwas, das man anbeten kann, gehrt zu den tiefsten Sehnschten des Menschen. Der russische Dichter Dostojewski - er starb im Jahre 1881 - spricht in diesem Zusammenhang von einer qulenden Frage. Gewiss, es gibt den Hunger nach Brot, das Sehnen nach Liebe, die Gier nach Lust und das Verlangen nach Ehre und Macht. Aber es gibt auch die Sehnsucht nach der Anbetung. In der Geheimen Offenbarung, dem letzten Buch des Neuen Testamentes, ist die Rede von einem Ungeheuer, das aus dem Abgrund des Meeres emporsteigt, das die Menschen mit betren- den Reden und groen Taten in Bann schlgt. Es verfhrt die von Bewunderung trunkene Menge mit anmaenden Reden und erstaunlichen Zeichen, mit Versprechungen und Drohun- gen und treibt sie zu rasender Begeisterung. Fasziniert und hingerissen von dem Tier - so heit es -, fallen sie nieder und beten es an. Sie verschreiben sich ihm, dem Tier, dem Sinn- bild des Bsen, mit ihrem Blut und mit ihrem Leben (Apk 11,1-10). - Der Mensch will anbeten, entweder betet er Gott an oder den Widersacher Gottes, den Satan. Allerdings ist die fehlge- leitete Anbetung des Menschen sein Unter- gang. Das beschreibt die Geheime Offenbarung in berwltigenden Bildern, das erleben wir immer wieder in der Geschichte, ja, vielleicht zuweilen auch in unserem persnlichen Leben.

Die Weisen lassen sich fhren, sie beten Gott an, als sie ihn gefunden haben, das heit: sie geben ihm die Ehre, wo sie ihm gegenberstehen, und - sie bringen ihm Gaben. Zur Anbe- tung muss das Opfer hinzukommen. Die Anbetung geht aus der Liebe hervor, aus der totalen Liebe, aber auch diese Liebe bedarf der ueren Zeichen, wie die Liebe stets der ueren Zeichen bedarf. Man knnte sagen: Whrend die Anbetung diese Liebe mit Worten bekun- det, bekundet das Opfer sie mit sichtbaren Gegenstnden. Zur Anbetung Gottes muss die Hingabe hinzukommen, die sich in Taten kundtut. Das Gebet bleibt leer ohne das Opfer. Das Opfer - mit ihm sind hier die Werke der Selbstberwindung gemeint. 

Dafr haben viele von uns kein Verstndnis mehr, fr das Opfer, fr die Hingabe, fr die Selbstverleugnung, die mehr ist als nur eine innere Gesinnung, die vielmehr in ueren Ta- ten ihren Ausdruck findet. Und doch sind die Werke der Selbstberwindung ein grundle- gendes Moment unseres christlichen Glaubens, und gerade heute sind sie notwendiger denn je. Wenn wir den Frieden mit Gott wollen, mssen wir tglich den Kampf mit dem eigenen Ich aufnehmen. Die Liebe gibt es nicht ohne Opfer, auch nicht die Liebe zu Gott.

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Die Weisen lassen sich fhren von Gott, sie beten ihn an, und sie bringen ihm ihre Ge- schenke. Das knnen sie, weil sie demtig sind und selbstlos. Aus dieser doppelten Haltung geht ihr Glaube hervor, ihr Glaubensgehorsam. Selbstlos und demtig mssen wir ihnen folgen - im Glauben, im Gehorsam des Glaubens. Nur so finden wir das Leben, das wahre Leben, nur so knnen wir alles berwinden, was uns bedrngt, auch den Tod, den zeitlichen und den ewigen. Amen.

 

 

Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten, gehalten am 2. Januar 2005 
in Freiburg, St. Martin 
 

Bis zum Sonntag nach dem Fest der Erscheinung des Herrn, bis dahin geht die Weihnachts- zeit nach dem neuen liturgischen Kalender. Das sind beinahe drei Wochen. In diesen Tagen werden uns in der Feier der Liturgie immer neue Aspekte des Geheimnisses der Mensch- werdung Gottes nahegebracht. Der entscheidende Satz der Liturgie dieser heiligen Messe lautet und das Wort ist Fleisch geworden  und wir haben seine Herrlichkeit gesehen. Was bedeutet das in sich? Und was bedeutet das fr uns?

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Die zweite gttliche Person, der ewige Sohn des Vaters, wird hier das Wort genannt. Ein Wort ist der Ausdruck eines Gedankens. Im Wort findet die Erkenntnis des Geistes immer wieder ihre uere Gestalt. Durch das Wort teilen wir uns mit, schaffen wir Gemeinschaft mit den anderen Menschen. Wenn nun die zweite Person in Gott als Wort bezeichnet wird, so soll damit das unbegreifliche Geheimnis Gottes, des dreifaltigen Gottes, ein we- nig gelichtet werden fr uns.

Es ist so, dass sich Gott, der Vater, in der zweiten Person von Ewigkeit her selbst erkennt und sich in ihr von Ewigkeit her ausspricht. Die zweite Person ist somit das Ebenbild des Vaters. Sie unterscheidet sich in nichts vom Vater, es sei denn durch ihren Ursprung. Dieser Ur- sprung begrndet aber kein zeitliches Spter, wie das sonst in unserer Erfahrungswelt der Fall ist. Das mssen wir uns klar machen. Das Wort Gottes begrndet dann endlich zusam- men mit dem Vater die dritte gttliche Person, den Heiligen Geist, sofern der Vater den Sohn liebt und der Sohn den Vater liebt. Daher gilt: Wie der Sohn die innergttliche Erkenntnis des Vaters ist, so ist der Geist die innergttliche Liebe des Vaters und des Sohnes.

Die zweite gttliche Person, das Wort, ist in einer bestimmten Stunde der Geschichte ein Mensch geworden. So erfllte sich die Verheiung des Vaters durch das Wirken des Heiligen Geistes, so offenbarte Gott uns sich selbst und seine Liebe und seine Treue. 

Wenn wir sagen: Der Sohn Gottes wurde Fleisch, soll damit gesagt sein, dass er ein rich- tiger Mensch war, dass er nicht nur einen Scheinleib angenommen hatte. Auf wunderbare Weise, auf unbegreifliche Weise, vereinigte er in der Flle der Zeit, am Beginn unserer Zeit- rechnung, mit seiner gttlichen Natur eine menschliche Natur. Die Wendung: Er wurde Fleisch, soll auch das Unglaubliche dieses Vorgangs unterstreichen und die Verdemtigung Gottes in seiner Menschwerdung deutlich zum Ausdruck bringen. 

Aber - warum das Ganze? Warum ist das so geschehen? Damit sind wir schon bei der zweiten Frage, die wir am Anfang gestellt haben: Was bedeutet die Menschwerdung Gottes fr uns? 

Gott wurde ein Menschenkind, damit wir Menschen Gotteskinder werden knnten. Im Evan- gelium heit es heute: All denen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu wer- den. Die Gotteskindschaft ist ein Bild fr die innige Gemeinschaft des Menschen mit Gott, in die wir durch die Menschwerdung des Wortes gerufen wurden. Gott wollte uns im Geheimnis der Erlsung das bernatrliche Leben schenken, ein neues Leben sollten wir erhalten. Wir nennen es die heiligmachende Gnade.

Darum wird das Kind von Bethlehem auch der Heiland genannt: Der Heiland macht alles heil und gesund. Er heiligt uns, das heit: Er schenkt uns gttliches Leben. Das Heil, das der Heiland bringt, ist jenes Glck, das mehr ist als wirtschaftliche Sicherheit, mehr als ein guter Posten und ein wohl klingender Name, mehr als erfolgreiches Wirken und krperliche und seelische Gesundheit. Es ist das Angeld unserer ewigen Gemeinschaft mit Gott, und es macht uns daher unverwundbar in diesem Leben. 

Die Gotteskindschaft ist das Leben der Gnade, das uns lehrt, im Frieden zu leben und zu ster- ben, im Frieden Gottes. Es macht uns wrdig, einst ewig bei Gott zu sein. - Dieses Leben wird uns in der Taufe geschenkt.

Wir wrden nun aber bei der halben Wahrheit stehen bleiben, wenn wir nicht auch davon sprechen wrden, dass wir dieses Leben der Gnade verlieren knnen, dass wir es hegen m- ssen, dass wir es in zerbrechlichen Gefen tragen. Durch die schwere Snde wird es zer- strt, durch sie geht es verloren. Diese Mglichkeit ist aber nicht ein Jahrhundertereignis, wie manche behaupten, sie begleitet uns als Mglichkeit vielmehr ein Leben lang. Das Heil, das uns das Kind von Bethlehem erworben und geschenkt hat, ist also gefhrdet fr einen jeden von uns. Wir alle knnen scheitern im Leben, Gottes Liebe kann uns vergeblich ge- schenkt worden sein. Darum haben wir das Busakrament. Es soll uns eine Hilfe sein, dass wir den kostbaren Schatz bewahren, das gttliche Leben, in dem uns das Angeld fr das ewige Leben gegeben ist. Wenn wir diesen kostbaren Schatz verloren haben, so wird er uns hier, im Busakrament, neu geschenkt. In dem Mae, als wir dieses Sakrament vergessen, es missachten, in dem Mae breitet sich Dunkelheit aus in unserem Leben, in der Kirche und in der Welt. 

Die Menschwerdung Gottes schenkt uns nur das Heil, wenn wir guten Willens sind, und wir tragen es in zerbrechlichen Gefen. Es ist ein Symptom fr die innere Aushhlung des Chri- stentums, wenn ber die schnen Worte von der Erlsung die Verantwortlichkeit der Erlsten vergessen wird. Der uns ohne uns erlsen wollte, wollte uns nicht ohne uns retten. 

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Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes ist unausschpflich. Es lsst uns einen Blick tun in die Tiefen der Gottheit. Es zeigt uns Gottes Wesen, seine Liebe und seine Treue. Es schenkt uns die Gnade der Kindschaft, das Heil, die Berufung zur ewigen Gemeinschaft mit Gott. Diese Gnade aber knnen wir verlieren, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Wir verlieren sie durch die schwere Snde. Das Kind von Bethlehem beschenkt uns, ja, aber es fordert uns auch. In diesem Sinne gilt immerfort die adventliche Mahnung des Erlsers wa- chet und betet. Sie sollte ber unserem Leben stehen und programmatisch sein fr uns. Amen.

 

 

Predigt zum Neujahrstag, gehalten in Freiburg, St. Martin, 
am 1. Januar 2005

Der Beginn des brgerlichen Jahres ist im Festkalender der Kirche nicht verzeichnet. Nach ihm beginnt das Jahr mit dem ersten Adventssonntag. Darum feiern wir heute, am Oktavtag des Weihnachtsfestes, noch einmal das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Dabei wird unser Blick in den liturgischen Texten vor allem auf jenen Menschen gelenkt, der aufs innigste mit der Menschwerdung Gottes verbunden war und ist, auf Maria, die jungfruliche Mutter des menschgewordenen Gottessohnes. Und wir erinnern uns heute daran, dass Maria, die Mutter Jesu, zugleich die Mutter all derer ist, die sich als Christi Brder verstehen, und dass sie als die Mutter aller Menschen in einem ganz spezifischen Sinn die Mutter der Kirche ist.

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Viele Menschen sind heute auf der Suche nach der Mutter. Gewiss, alle Menschen haben eine Mutter, biologisch gesehen, eine Mutter, die ihnen das Leben geschenkt hat, aber Mut- terschaft bedeutet mehr als das. Dazu gehren Gegenwart und selbstloses Sorgen, dazu ge- hren Bejahung und Liebe, dazu gehrt die Vermittlung von Geborgenheit und Wrme. In der Mutter begegnet uns der Primat des Herzens vor der Vernunft, idealer Weise. Solche geistige Mutterschaft ist gefragt in unserer kalten und technisierten Welt. Wir finden sie bei der Mutter Jesu in idealer Weise.

Es ist fatal: Einerseits wird in dieser unserer Welt immer mehr das Ideal der mtterlichen Frau zerstrt, andererseits wird aber die Sehnsucht nach ihr immer drngender. Nur sehen wir weithin diese Zusammenhnge nicht. Die Zerstrung hat bei uns den Vorrang. Die ver- mnnlichte Frau ist das Ideal, in der Erziehung der Mdchenjugend, wenn man da ber- haupt noch von Erziehung sprechen kann, wie auch in der ffentlichen Wertschtzung. berall triumphiert ein krasser Egoismus, verbunden mit einem khlen Rationalismus. Da ist kein Raum fr die Selbstberwindung und fr das Opfer, fr die Selbstverdemtigung und fr den treuen Dienst, fr das, was zur Mutterschaft in einem tieferen Sinne dazugehrt, fr das, was wir alle suchen und bei Maria finden. In dieser Richtung arbeiten die Massenmedien, arbeitet die ffentliche Meinung destruktiv, wobei man sich immer weiter von den zentralen Werten des Christentums entfernt. Zerstrt wird dabei das christliche Bild von der Frau und allgemein das christliche Menschenbild, fr das die Mariengestalt steht.  

Wenn wir uns zu Maria im Glauben bekennen, wenn wir sagen, die Mutter Jesu, die Mutter Gottes, ist unser aller Mutter, dann meinen wir damit zwei Dinge, einmal: Maria schenkt uns jene Mtterlichkeit, die wir drauen so oft vergeblich suchen, zum anderen: Maria ist den Mdchen und Frauen Orientierung in einer desorientierten Welt, sie vermittelt uns wieder das Gespr fr Frauenwrde und Frauenehre. 

Wenn unsere Welt wieder gesunden will, sie kann es nur in der Hinwendung zu Maria, wenn wir uns zu ihr hinwenden, finden wir eine Antwort auf viele Probleme, ja schlielich auf alle Probleme unserer Zeit. 

Schon in der Frhzeit des Christentums wurde Maria als die berwinderin aller Hresien ver- ehrt. Hresien sind Irrtmer. In den Hresien wird die Wahrheit nicht erkannt, oder sie wird verdreht in ihnen. Maria ist der Hort der Wahrheit, weil sie die Mutter dessen ist, der sich als den Weg und die Wahrheit und das Leben bezeichnet hat.

Wo immer Maria verehrt wird, da wird auch Christus verehrt. Die Gre Mariens ist die Gr- e Christi, die Ehre der Mutter ist die Ehre ihres Sohnes. Wre Christus nicht der Sohn des ewigen Vaters, dann wrde sich die Verehrung seiner Mutter erbrigen. Maria fhrt uns immer neu zu Christus. Was sollte sonst ihr Sinnen und Trachten sein?

Wenn wir das neue brgerliche Jahr mit der Mutter Gottes beginnen und wenn wir mit ihr durch dieses Jahr hindurchgehen, dann wird es ein erfolgreiches Jahr werden, weil es uns dann nher zu Gott und zu unserer Vollendung fhrt. Dann wird es uns glcklich machen in aller Nchternheit dieser Zeit, wir werden dann Geborgenheit und Heimat fin- den in diesem Jahr. Wir werden dann die Vorgnge in unserem persnlichen Leben und in unserer Welt von einer hheren Warte aus beurteilen, wir werden sie mit den Augen Gottes betrachten und kritischer beurteilen. Wir werden dann die Zerstrung des christlichen Menschenbildes in der ffentlichkeit durchschauen und erkennen, wo wir zu stehen haben in dieser Ausein- andersetzung, wir werden uns dann gegenber den Strategen der Zerstrung den christli- chen Instinkt bewahren und den Mut, fr die Wahrheit und fr die Gerechtigkeit einzutreten. 

Endlich brauchen wir uns dann nicht zu frchten vor dem, was uns die Zukunft bringen wird. Wir knnen es nicht leugnen: Unsere Sicherheit, unsere Freiheit, unser Wohlstand, der Frie- de, das alles ist in Gefahr. Der Terror breitet sich auch, und die Sozialsysteme verlieren mehr und mehr ihr Fundament. Aber das alles ist ja letztlich die Folge unseres bermutes, unserer Abwendung von Gott und seinem Gebot, die Folge davon, dass wir falschen Prophe- ten nachgelaufen sind und das Ideal Mariens und der Heiligen mit dem Idol von fragwr- digen Stars und von Schwtzern vertauscht haben. 

Wir drfen Vertrauen haben, wenn wir umkehren und wenn wir mit den Augen Gottes unser Leben und unsere Welt betrachten und wenn Gottes Gebote und die Verbunden- heit mit Gott im Gebet wieder das Grundgesetz unseres Lebens werden. Wer sich verirrt hat, kommt nicht daran vorbei, den falschen Weg zurckzugehen bis zu jener Kreuzung, da er sich hat in die falsche Richtung locken lassen. Dieser Mhe mssen wir uns gegebenenfalls unter- ziehen. Denn unser Vertrauen auf Gott steht nur dann auf einem soliden Fundament, wenn wir beten und wenn die Gebote Gottes unser Leben bestimmen. 

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Das Hochfest der Gottesmutter sagt uns, dass die Gottesmutter unsere Mutter ist, seitdem Gott selber durch eine menschliche Mutter unser aller Bruder geworden ist. Es korrigiert das Bild von der Frau und vom Menschen berhaupt und schenkt uns Geborgenheit und Orientierung. Wer sich dieser himmlischen Mutter anvertraut und sich an ihr ausrichtet, sie als sein Leitbild betrachtet, der wird Gottes rettende Gnade erlangen.

In der Folge der Jahre, im Flug der Zeit, kommt es uns besonders deutlich zum Bewusst- sein, dass wir gem dem Willen Gottes stets Ausschau halten mssen nach dem Kommen Christi, ob wir dabei den persnlichen Tod im Auge haben, der ja in jeder Stunde eintreten kann, oder das Kommen des Herrn am Jngsten Tag, wie er sich in den zeitlichen Katastro- phen ankndigt. Wer wei um das Kommen des Herrn, der ist stets bereit. Diese Bereitschaft lehrt uns Maria durch ihr Beispiel und ihre Frbitte. An der Hand der Mutter kennt das Kind keine Furcht, um wie viel weniger brauchen wir uns zu frchten an der Hand der Mutter Gottes. Wir mssen es lernen, in der Gemeinschaft mit ihr zu leben. Amen.

 

 

Predigt zum Fest der Heiligen Familie, gehalten am 26. Dezember 2004 
in Freiburg, St. Martin 

Wir begehen heute das Fest der Heiligen Familie, ein Fest jngeren Datums. Es will uns die Bedeutung der Familie und unsere Verantwortung ihr gegenber vor Augen fhren. In der Familie regenerieren sich der Staat und die Gesellschaft, regeneriert sich nicht zuletzt auch die Kirche. Wir erleben es heute, dass die Familie in einem Auflsungsprozess begriffen ist, der bengstigend ist, der katastrophale Folgen haben wird, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird. - Wir wollen heute morgen, am Festtag der Heiligen Familie, versuchen, diese Situa- tion ein wenig zu beleuchten und Wege der Heilung und der Erneuerung aufzuzeigen. 

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Die Zerstrung der Familie ist ein Faktum, das man einfach nicht leugnen kann, auch wenn es noch intakte Familien gibt. Im Allgemeinen fllt die Familie heute auseinander, ja, weit- hin wird sie heute gar schon als solche in ihrer institutionellen Gestalt in Frage gestellt. Das zeigt sich in mannigfacher Weise. 

Unsere Familien sind vielfach von einer primitiven Konsummentalitt bestimmt. Das heit: Viele Familien werden durch den Wohlstand geradezu tyrannisiert. Da gelten dann nur noch das Vergngen und das Genieen. Spa will man haben! Dabei sind Eltern und Kinder sowie die Kinder als solche sehr oft nicht mehr einander zugewandt, sofern jeder rein egoistisch nur sein persnliches Vergngen sucht. In nicht wenigen Familien ist das Gesprch weithin verstummt. An seine Stelle ist jene Form der Unterhaltung getreten, in der man selber nichts mehr zu tun braucht, in der man sich rein passiv unterhalten lsst. Da schaut man sich dann nicht mehr an, sondern richtet den Blick gemeinsam auf das Fernsehgert, das einen bevor- zugten Platz in der Wohnung innehat. Man wendet sich nicht mehr einander zu, sondern alle wenden sich in jene Richtung, von der man nicht unzutreffend gesagt hat, das sei die Rich- tung des Hausaltars. Damit hngt es zusammen, dass die Erziehungskraft unserer Familien weithin gleich Null geworden ist. Das hngt nicht nur damit zusammen, aber doch zu einem guten Teil. Jedenfalls wachsen viele Kinder heute ohne Fhrung und Leitung auf, ja, im Grunde ohne jede Zuwendung von Seiten der Eltern. Sie machen, was sie wollen und ver- halten sich von frher Kindheit an so, als ob sie der Mittelpunkt der Welt seien. Andererseits lassen die Eltern sich nicht selten gehen vor den Kindern und geben ihnen ein Beispiel der Unbeherrschtheit und der Haltlosigkeit. 

Ganz im Argen liegt die religise Erziehung in den Familien, weithin jedenfalls. Religise Unterweisung und religise Praxis, Gebet und Gottesdienstbesuch werden immer seltener in den Familien. 70 % der katholischen Kinder haben, wenn sie ihren ersten Katechismus- unterricht erhalten, noch nichts vom katholischen Glauben gehrt, haben kaum einmal eine Kirche von innen gesehen und kennen kein Kreuzzeichen und kein Gebet. Und bei den brigen 30 % sieht es nicht viel besser aus. Kinder fr Gott erziehen, das hat Seltenheits- wert bekommen. Dabei ist es doch eigentlich eine wunderbare Sache, Kinder in die Welt des Glaubens einzufhren, zumal das unverbildete Kind gleichsam begierig danach ver- langt. Im brigen gilt hier: Wie will man berhaupt Kinder erziehen, wenn man die religise Erziehung ausklammert? 

Fest steht: In vielen Familien gibt es kein Familiengebet mehr, keine Sonntagsheiligung, kei- ne Einbung in die Gebote und keinen Verzicht und kein Opfer.   

Und immer mehr junge Menschen stolpern geradezu in die Ehe hinein. Dabei haben sie oft schon in frivoler Weise die Ehe vorweggenommen oder besser: das, was sie dafr halten. Wenn man den Demoskopen Glauben schenken darf, sind 50 % der Bundesbrger ber 16 Jahren der Meinung, das sei gut so. Statt dass man sich freinander bewahrt, beutet man sich gegenseitig aus in Missachtung des Gottesgesetzes. Viele ziehen zusam- men, als seien sie verheiratet, ohne es zu sein. Zynischerweise nennen sie das dann "Ehe ohne Trau- schein". Zynisch ist das deshalb, weil man so das Problem verschleiert, bagatellisiert. Das Problem ist nmlich nicht der Trauschein, sondern die Missachtung der Ordnung Gottes und damit die Missachtung der Wrde des Menschen, das Zusammensein, ohne dass man zuvor die Verpflichtung zur Einheit und Unauflslichkeit der Ehe ber- nommen hat, ffentlich und definitiv. Das Problem ist hier die Isolierung der Geschlechtlichkeit von der im Naturgesetz verankerten ethischen Verantwortung, die auch eine Verantwortung vor der Gesellschaft ist, und von der religisen Verantwortung, das Problem ist hier die Verfremdung der Sexualitt, die so den Menschen nicht mehr glcklich machen kann, jedenfalls nicht mehr in einem tie- feren Sinn und auf Dauer. In dieser Atmosphre wird es immer weniger als anstig empfun- den, wenn man berhaupt nicht mehr heiratet, was natrlich konsequent ist. 

Bei solcher Einstellung ist es nicht verwunderlich, wenn die Seuche der Abtreibung im- mer mehr grassiert. Nach serisen Schtzungen kommt bei uns heute beinahe auf jede Geburt eine Abtreibung, gibt es bei uns heute beinahe so viele Abtreibungen wie Geburten. Die ffentliche Akzeptanz der Abtreibung und ihre selbstverstndliche Praktizierung sind extrem menschenverachtend. Darin begegnet uns ein Tiefpunkt menschlicher Unkultur. Hier wirkt nicht zuletzt auch das familienfeindliche Klima mit, wie es die Medien in der ffentlichkeit hervorbringen und frdern und wie es die Politiker durch die mangelnde Untersttzung der Familie mitverursachen.

Dass es sich hier, bei der Abtreibung, um Menschen handelt mit einer unsterblichen See- le, davon ist keine Rede mehr.

Zu dieser Einstellung passt sehr gut die wachsende Hufigkeit der Ehescheidung: Jede dritte Ehe, die geschlossen wird, wird bei uns wieder geschieden. Dem entspricht die Tat- sache, dass Untreue in der Ehe und Ehebruch faktisch zu Kavaliersdelikten geworden sind.

Das ist ein hnlicher Niedergang wie er uns im alten Rom begegnet, in der sterbenden rmi- schen Kultur der ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Auch damals waren das nichteheli- che Zusammenleben, die Ehescheidungen, das Abtreiben und die Vernachlssigung der Kin- dererziehung - und das alles auf der Basis der Konsummentalitt - an der Tagesordnung. 

Allerdings - und das war damals anders - hatten die Christen damals den Mut zum Anders- sein. Ihr Leben wurde, anders als das Leben ihrer heidnischen Zeitgenossen, bestimmt von Verantwortungsbewusstsein, von der Liebe zu Gott und von der Hingabe an ihn, von Keusch- heit, von ehelicher Liebe und Treue, von der Ehrfurcht vor dem Leben, von Erziehungseifer und von Nchstenliebe bis hin zum Martyrium.

Die Heilung der kranken Familie muss von der Heiligen Familie ausgehen, von ihrem Bei- spiel und von der Frsprache jener beiden Personen, die das Fundament dieser Familie bil- deten. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Die Heilige Familie von Nazareth ruhte auf zwei Sulen, auf denen die christliche und im Grunde jede Familie gem dem Willen Gottes aufruhen muss. Diese sind die Gottesvereh- rung und die Selbstlosigkeit, oder - so kann man es auch sagen - die Hingabe an Gott und die Hingabe an die Menschen. Eigentlich ist das nur eine Sule, denn wer Gott dient - in rechter Weise - der wei auch den Menschen zu dienen. Daher mssen unsere Familien wieder Gemeinschaften des Gebetes werden, damit aber Gemeinschaften der Liebe und Ge- meinschaften des Opfers. Man kann es auch so sagen: Die Familie muss wieder als gttliche Institution verstanden werden, als Sakrament, das heit: als gnadenwirkendes Zeichen. Dabei muss Christus, der Herr, die Mitte dieser Gemeinschaft sein. Wo immer wir es ernst meinen mit der Hingabe an den ewigen Gott und an den Erlser Jesus Christus, da werden wir durch sie immer neu zur Hingabe an die Menschen gefhrt.

Stets fhrt uns das rechte Gebet zum rechten Tun. In der Gestalt des Familiengebetes muss es gleichsam das geistige Rckgrat der christlichen Familie sein. Bedeutende Elemente des christlichen Familienlebens sind sodann die Selbstberwindung, das Opfer, der Verzicht und die Rcksichtnahme. Das aber muss eingebt werden, und zwar gemeinsam, in der Gemein- schaft der Familie. Wer nur mit Worten erziehen will, der wird enttuscht, der kommt nicht zum Ziel. Unerlsslich ist stets das Beispiel. Das gilt fr die Vorbereitung der Kinder auf das Leben nicht anders als fr ihre religise Erziehung. Von ganz besonderer Bedeutung ist hier das Bemhen um Einfachheit in der Lebensfhrung und vor allem der Verzicht auf das Fern- sehen, wenn nicht vllig, so doch wenigstens zeitweilig. 

Wir reden von der Schdigung der Umwelt, vergessen dabei aber die Schdigung der Innen- welt, die schlimmer ist und folgenreicher als die Schdigung der Auenwelt. Gottes Gesetz knnen wir nicht in einem solch gigantischen Ma ausschalten, wie das heute geschieht, ohne uns selbst groen Schaden zuzufgen, schon im natrlichen Bereich. 

Die Gesundung der Familie ist in unser aller Hnde gelegt. Von ihr hngt viel ab, ja, alles hngt letzten Endes ab von ihr: Das Glck ganzer Generationen, der Fortbestand der Ge- sellschaft und der Kirche und nicht zuletzt hngen die Ehre Gottes und das Heil der Seelen von ihr ab. 

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Wir sind heute sichtlich bemht, im Hinblick auf Ehe und Familie das Chaos zu steigern. Immer ist es aber so, dass das Chaos die Gewaltherrschaft herauffhrt, den Totalitarismus, dass es die Freiheit zerstrt. Das vergessen wir oft. Was den Zerfall der Familie heute vor allem bedingt, das ist die Entfremdung des Menschen von Gott und die daraus hervor- gehende Unfhigkeit zu echter Gemeinschaft, das ist unsere fehlende Verbundenheit mit Gott und unsere Missachtung des selbstlosen Dienstes.

Wenn wir die Heilige Familie von Nazareth als Modell fr unsere Familien verstehen, dann werden wir sie wieder auf den zwei Sulen der Ehrfurcht vor Gott und der Ehrfurcht vor dem Menschen errichten. 

Dieses Bemhen empfiehlt sich schon deshalb, weil unsere Familien nur so wieder Inseln des Glcks werden und weil sie uns nur so zu einem erfllten Leben fhren knnen. Amen.

 

 

Predigt zum Hochheiligen Weihnachtsfest, gehalten in Freiburg, St. Martin, 
am 25. Dezember 2004             

Das Fest, das wir heute und in diesen Tagen feiern, hat einen starken Gefhlswert. Es sind wohl nur wenige, die nicht in irgendeiner Form davon angesprochen werden. Auch die, die sonst nichts mehr anzufangen wissen mit dem Christentum, die nicht mehr viel mit ihm zu tun haben oder zu tun haben wollen, werden in groer Zahl ergriffen von dem Geheimnis dieser Festzeit, und sie knnen sich ihm einfach nicht entziehen. 

Das hat seinen Grund darin, dass die uere Feier dieses Festes seit Jahrhunderten sehr ge- mthaft und innig ausgestaltet worden ist, gerade auch in unserem Land, und dass ange- sichts dieses Festes die Seligkeit vergangener Kindertage in uns lebendig wird. Aber das ist es nicht allein. Es ist auch das unsagbare Geheimnis dieses Festes, das die Menschen an- rhrt, wenn sie sich auch nur ein wenig damit befassen: Gott kommt zu uns in unsere Welt. Der Unbekannte, der Unbegreifliche, der Allmchtige, der berweltliche tritt ein in unsere Welt und verbindet sich mit ihr fr immer. Er kommt zu uns in der Gestalt eines Menschen, und zwar ausgerechnet in der Gestalt eines hilflosen neu geborenen Kindes.

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Es ist so, dass Gott auf vielfache Weise in unsere Welt kommt. Das wussten die Menschen zu allen Zeiten. Gott kommt zu uns in den Heimsuchungen, im Glck und im Erfolg unserer Arbeit, er kommt zu uns im Gebet und im Gottesdienst, er kommt zu uns in guten Men- schen. Zudem ist er immer schon da, immer schon ist er anwesend in unserer Welt. In allem Geschaffenen ist er zugegen, ist er doch das innerste Geheimnis aller Dinge. Ja, alles Sein ist Teilhabe am Sein Gottes, und Gott erhlt alles in seinem Dasein. Wenn Paulus auf dem Marktplatz von Athen einst seinen Zuhrern zurief: In ihm (Gott) leben wir, bewegen wir uns und sind wir (Apg 17, 28), so sagte er ihnen damit nicht etwas, was sie nicht schon wussten. Jedenfalls hatten ihre eigenen Weisen sie bereits etwas hnliches gelehrt. Aber nicht genug damit, in ganz unvergleichlicher Weise kommt Gott zu uns in den Sakramenten des Neuen Bundes, in den Sakramenten der Kirche. Dabei ist er in ganz besonderer Weise zugegen in unseren Kirchen im Geheimnis der Eucharistie. Von daher sind unsere Kirchen Gotteshuser im wahrsten Sinne des Wortes  und wie leichtfertig werden sie heute oft verunehrt, unsere Kirchen, wie leichtfertig werden sie heute oft entweiht und profaniert. Schlielich und endlich kommt Gott im Neuen Bund und in seiner Kirche immer neu zu uns in seinem Wort. 

In all diesen Formen des Kommens Gottes und in all diesen Formen seiner geheimnisvollen Gegenwart bleibt Gott aber unsichtbar, whrenddessen er im Geheimnis der Heiligen Nacht eine sichtbare Gestalt angenommen und sich fr immer mit der menschlichen Natur ver- bunden hat. Das ist es also, was uns zutiefst bewegt, dass Gott als ein Mensch gekommen ist, in einer geschichtlichen Stunde, in der Flle der Zeit, und zwar als ein kleines Kind, hilflos und in Armut, geboren von einer Jungfrau. Das geschah, als tiefes Schweigen das All umfing, inmitten der Nacht (Weish 18, 14 f). So sagt es prophetisch das Alte Testament. Gott ist in das Elend unserer Welt hineingekommen, um sie heimzuholen. Wem aufgeht, was das bedeutet, der muss zugleich Trnen der Trauer und der Freude weinen. 

Der Lichterbaum, das Familienidyll und die Friedenssehnsucht, das gehrt zu christlichen Weihnacht, aber der Kern ist der geheimnisvolle Abgrund der Menschwerdung Gottes. In l- tester Zeit drckte man das so aus:    ?a? ? ????? s??? e???et?, und das Wort ist Fleisch geworden (Joh 1,14). So steht es im Johannes-Evangelium. Gott nahm die mensch- liche Natur an, um sie fr uns opfern zu knnen, er wurde Mensch, um mit uns und fr uns sterben zu knnen. Der erste Schrei des neu geborenen Kindes in der Krippe erinnert uns - wenn wir tiefer nachdenken - an den letzten Schrei des Sterbenden 30 Jahre spter am Kreuz.

Geboren wurde Gott in der Fremde, drauen vor der Stadt, unbeachtet von der Welt, beach- tet nur von einigen wenigen, einsam und verlassen wurde er geboren, nicht anders starb er, nicht anders verlie er diese Welt wieder, wiederum drauen vor der Stadt. Auch dieses Mal standen nur wenige dabei, die ihm die Treue hielten, wenige, die ihm die Treue hielten, und eine etwas grere Zahl von solchen, die ihn schmhten. 

Der heilige Anselm von Canterbury schreibt um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert in einem Bchlein, dass er berschrieben hatte Warum wurde Gott ein Mensch? Gott wurde ein Mensch um der Gottwerdung des Menschen willen. Einen hnlichen Gedanken hatte der heilige Augustinus schon ber 700 Jahre vorher formuliert, wenn er im Anschluss an den 2. Petrusbrief (1, 4) geschrieben hatte: Der Sohn Gottes wurde ein Mensch, damit der Mensch ein Sohn Gottes werden knnte (Sermo 185). 

Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes erinnert uns an Gottes unendliche Liebe und an die groe Wrde des Menschen. Wer liebt, den drngt es, sich selbst zum Geschenk zu ma- chen. So stellt Papst Johannes Paul II. fest in seiner Enzyklika Dives in misericordia, ber das gttliche Erbarmen, im Jahre 1980. Wer liebt, den drngt es, sich selbst zum Geschenk zu machen. Das tut Gott nun auf unnachahmliche Weise im Geheimnis der Heiligen Nacht. Durch diese Liebestat Gottes wird aber der Mensch, der schon von Natur aus die Krone der Schpfung ist, auf unaussprechliche Weise bernatrlich erhht und erhlt von daher eine unbertreffliche Wrde, unabhngig davon, was er daraus macht. 

Beides ist heute indessen bedroht: der Glaube an die Liebe Gottes und - noch mehr - die Wrde des Menschen, was wiederum miteinander zusammenhngt. Die Abkehr von dem menschgewordenen Gottessohn bedeutet die Abkehr auch vom Menschen. Wir beschwren die Humanitt mit vielen Worten, kmmern uns aber sehr oft nur wenig darum. Das Weih- nachtsgeheimnis sagt uns, dass die Wrde des Menschen unendlich ist, ob der Mensch un- geboren ist oder geboren, ob er krank ist oder gesund, ob er jung ist oder alt, ob er schwarz ist oder wei, ob er einfach ist oder gebildet, ob er mein Freund ist oder mein Feind. Da- durch, dass Gott der Bruder aller Menschen geworden ist, fllt etwas von dem Glanz und von der lichten Gre Gottes auf einen jeden Menschen.

Wir wurden vergttlicht durch die Menschwerdung Gottes. Nun liegt es an uns, dass wir diese gttliche Wrde nicht preisgeben und verlieren und dass wir sie, wenn wir gefehlt haben, immer wieder durch Gottes Gnade wiederherstellen, damit Gott fr uns nicht um- sonst gekommen ist. 

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Gott wurde ein Mensch, um uns zu retten. Dieses Geheimnis erinnert uns an Gottes un- end- liche Liebe und an die unvergleichliche Wrde des Menschen.  Wer an die Liebe Gottes glaubt, nur der kann die Wrde des Menschen in Wirklichkeit und auf die Dauer achten. Wer Gott und seiner Liebe den Rcken zukehrt, der wird ber kurz oder lang die Wrde des Menschen mit Fen treten. Dabei wird er aber seine eigene Wrde verlieren und gar sein ewiges Schicksal aufs Spiel setzen. Den Frieden Gottes finden nur die - so betont es das Weihnachtsevangelium -, die guten Willens sind. Amen. 
